Symposium 04

Über das Fernsehen. Unter der Fuchtel der Quoten.

AutorInnen
Pierre Bourdieu

Warum man im Namen der Demokratie gegen die Logik des Marktes kämpfen und sich von seinem Bann lösen soll

Ich bin der Auffassung, daß das Fernsehen aufgrund der unterschiedlichen Mechanismen, die ich kurz beschreiben werde, für verschiedene Sphären der kulturellen Produktion, für Kunst, Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Recht, eine sehr große Gefahr bedeutet; ich meine sogar, daß es im Gegensatz zu dem, was gerade verantwortungsbewußte Journalisten vermutlich in gutem Glauben denken und sagen, eine nicht weniger große Gefahr für das politische und demokratische Leben darstellt.

Eine unsichtbare Zensur

Ich möchte also eine Reihe von Mechanismen auseinandernehmen, die dazu führen, daß das Fernsehen eine besonders schädliche Form symbolischer Gewalt darstellt. Die symbolische Gewalt ist eine Gewalt, die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewußt sind, daß sie sie ausüben oder erleiden. Aufgabe der Soziologie wie aller Wissenschaften ist es, Verborgenes zu enthüllen; sie kann daher dazu beitragen, die symbolische Gewalt innerhalb der sozialen Beziehungen zu verringern, und ganz besonders in den von der Medienkommunikation geprägten Beziehungen.

Nehmen wir den einfachsten Fall: die sogenannten „Vermischten Meldungen“, seit jeher der Tummelplatz der Sensationspresse. Blut und Sex, Tragödien und Verbrechen haben immer schon Verkaufsziffern in die Höhe getrieben, und so mußte die Diktatur der Einschaltquote derartige Ingredienzien an die vorderste Stelle, an den Beginn der Fernsehnachrichten spülen, die früher ausgeklammert oder auf die hinteren Ränge verwiesen wurden, weil man sich bemühte, nach dem Vorbild der seriösen Tagespresse als respektabel zu erscheinen. Die „Vermischten Meldungen“ sind aber auch die Meldungen, die alles vermischen. Das Grundprinzip von Zauberern besteht darin, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken als auf das, was sie gerade tun.

Die symbolische Aktion des Fernsehens zum Beispiel auf der Ebene der Nachrichten besteht darin, die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die alle Welt interessieren, die omnibus – für alle – da sind. Omnibus-Meldungen sind solche, die, wie es heißt, niemanden schockieren dürfen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, daß sie nichts Wichtiges berühren. Die „Vermischte Meldung“ stellt jenen Grundbaustein der Nachrichten dar, der sehr wichtig, weil für alle von Interesse ist, ohne zu irgendwelchen Konsequenzen Anlaß zu geben, und der Zeit beansprucht, Zeit, die dazu verwendet werden könnte, über andere Dinge zu sprechen. Zeit aber ist im Fernsehen ein äußerst knappes Gut. Und wenn wertvolle Minuten verschleudert werden, um derart Unwichtiges zu sagen, so deswegen, weil diese unwichtigen Dinge in Wirklichkeit sehr wichtig sind, und zwar insofern, als sie Wichtiges verbergen. 

Ich hebe dies hervor, weil wir aus anderen Untersuchungen wissen, daß weite Teile der Bevölkerung keinerlei Tageszeitung lesen, daß sie dem Fernsehen als einziger Informationsquelle völlig ausgeliefert sind. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen. Legt das Fernsehen den Akzent auf die „Vermischten Meldungen“, so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts, und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte. 

Das Fernsehen, das die Wirklichkeit wiederzugeben behauptet, wurde ein Instrument zur Schaffung von Wirklichkeit; aus dem Be-schreiben der sozialen Welt durch das Fernsehen wird ein Vor-schreiben. Das Fernsehen entscheidet zunehmend darüber, wer und was sozial und politisch existiert. 

Der Einfluß des Fernsehens

Die Welt des Journalismus ist ein Feld für sich, das jedoch vermittels der Einschaltquote unter der Fuchtel des ökonomischen Feldes steht. Und dieses zutiefst heteronome, kommerziellen Zwängen sehr stark unterworfene Feld übt seinerseits strukturell Druck auf andere Felder aus. Ich denke also, daß gegenwärtig aller Felder der Kulturproduktion dem strukturellen Druck des journalistischen Feldes ausgesetzt sind – und nicht diesem oder jenem Journalisten, diesem oder jenem Programmdirektor, die selber von den in diesem Feld wirkenden Kräften überrollt werden. Und dieser Druck übt auf alle Felder sehr ähnliche Effekte aus. Das journalistische Feld wirkt als Feld auf die anderen Felder ein. Anders gesagt, ein Feld, das selbst immer stärker von der kommerziellen Logik dominiert ist, übt immer mehr Druck auf andere aus. Durch den von der Einschaltquote ausgehenden Druck wirkt die Wirtschaft auf das Fernsehen ein und durch die Bedeutung des Fernsehens für den Journalismus auf alle Presseerzeugnisse, auch auf die „reinsten“, und auf die Journalisten, die sich nach und nach vom Fernsehen die Themen vorgeben lassen. Und in gleicher Weise lastet er durch den Stellenwert, den die Gesamtheit des journalistischen Feldes innehat, auf allen Feldern der Kulturproduktion. Die Einschaltquote ist ein Meßinstrument, mit dessen Hilfe die verschiedenen Sender feststellen können, wieviel Zuschauer sie erreichen (einige Sender verfügen bereits über die Möglichkeit, alle Viertelstunden ihre Einschaltquote zu ermitteln, und sogar – diese Verfeinerung wurde kürzlich erst eingeführt – die Schwankungen nach groben sozialen Kategorien). Man weiß also sehr genau, was ankommt und was nicht.

Dieses Meßinstrument ist für den Journalisten das göttliche Gericht: bis hin in die autonomsten Refugien des Journalismus steckt die Einschaltquote jetzt in allen Köpfen. In Redaktionsstuben, in Verlagshäusern, allerorten regiert heutzutage die „Einschaltquotenmentalität“. Überall ist Maßstab der Verkaufserfolg.

Vor knapp dreißig Jahren noch, und das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, seit Baudelaire, Flaubert usw., war der unmittelbare Verkaufserfolg bei Avantgardeschriftstellern – also bei Schriftstellern, die von Schriftstellern gelesen, von Schriftstellern anerkannt wurden – verdächtig: als Anzeichen dafür, daß jemand sich mit den Zeitläufen, mit dem Geld usw. arrangiert hatte. Gegenwärtig dagegen gilt der Markt mehr und mehr als legitime Legitimationsinstanz. Das zeigt eine andere neue Einrichtung deutlich: die Bestsellerliste. Noch heute morgen hörte ich einen Radiosprecher den letzten Bestseller gelehrt kommentieren: „Die Philosophie ist dieses Jahr aktuell, denn Sophies Welt hat 800000 Exemplare erreicht.“ Als unumstößliches Verdikt, als göttliches Urteil zitierte er Verkaufsziffern. Über die Einschaltquote schlägt die Logik des Kommerzes auf die Kulturerzeugnisse durch.

Demokratie oder Quote

Man muß aber wissen, daß historisch gesehen alle Kulturerzeugnisse, die ich jedenfalls schätze – ich hoffe, ich bin nicht der einzige – und die auch noch manch anderer zu den höchsten Errungenschaften der Menschheit zählen mag, Mathematik, Poesie, Literatur, Philosophie –, daß all das gegen das Äquivalent der Einschaltquote, gegen die Logik des Kommerzes entstanden ist. Man kann und muß im Namen der Demokratie gegen die Einschaltquote kämpfen.

Das scheint sehr paradox, denn die Parteigänger der Einschaltquote behaupten, daß es nicht Demokratischeres gebe (das Lieblingsargument der zynischsten unter den Anzeigenkunden und Werbeagenturen, das einige Soziologen übernehmen, ganz zu schweigen von gedankenarmen Essayisten, die die Kritik an Umfragen – und an Einschaltquoten – mit der Kritik am allgemeinen Stimmrecht gleichsetzen), daß man den Leuten die Freiheit lassen müsse, zu urteilen, zu wählen („Bloß eure elitär intellektuellen Vorurteile euch all das als verächtlich erscheinen“).

Die Einschaltquote ist die Sanktion des Marktes, der Wirtschaft, das heißt einer externen und rein kommerziellen Legalität, und die Unterwerfung unter die Anforderungen dieses Marketinginstruments ist im Bereich der Kultur genau dasselbe wie die von Meinungsumfragen geleitete Demagogie in der Politik. Das unter der Herrschaft der Einschaltquote stehende Fernsehen trägt dazu bei, den als frei und aufgeklärt unterstellten Konsumenten Marktzwängen auszusetzen, die, anders als zynische Demagogen glauben machen wollen, mit dem demokratischen Ausdruck einer aufgeklärten, vernünftigen öffentlichen Meinung, einer öffentlichen Vernunft, nichts zu tun haben.

Verborgene Zwänge

Im Verhalten der französischen Schriftsteller unter der Okkupation haben wir einen Fall dessen, was ich das Shdanowsche Gesetz nenne: Je autonomer ein Kulturproduzent ist, je mehr spezifisches Kapital er besitzt und je ausschließlicher er den eingeschränkten Markt beliefert, auf dem man nur seine eigenen Konkurrenten zu Kunden hat, um so mehr tendiert er zum Widerstand. Je mehr er mit seinen Produkten hingegen den Markt des breiten Publikums bedient (wie Essayisten, Presseschriftsteller, konformistische Romanschreiber), um so mehr tendiert er dazu, mit externen Mächten wie Staat, Kirche, Partei, und heutzutage mit Journalismus und Fernsehen, zu kollaborieren, sich ihren Anfragen oder ihren Aufträgen zu unterwerfen. 

Die verborgenen Zwänge enthüllen, die auf den Journalisten lasten und die sie ihrerseits an alle kulturellen Produzenten weitergeben, heißt nicht Verantwortliche anprangern, mit dem Finger auf Schuldige zeigen. Es heißt, den einen wie den anderen eine Chance geben, sich durch Bewußtwerdung von dem Bann zu lösen, der von diesen Mechanismen ausgeht.


Auszüge aus: Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu, Theoretiker des sozialen Feldes und augenblicklich am Gipfel seiner Reputation, hat sich in einer aufsehenerregenden TV-Rede 1996 medienkritisch im Medium selbst geäußert. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages drucken wir hier wesentliche Argumente ab. Pierre Bourdieu ist Professor am Collège de France. Weitere Publikationen: Zur Soziologie der symbolischen Formen (1975), Homo academicus (1988), Soziologische Fragen (1993), Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns (1994), Das Elend der Welt (1997), Gegenfeuer. Wortmeldungen (1998).

Debug [+/-]
Queries:
Array
(
    [redirect] => /attachments/396
    [Config] => Array
        (
            [language] => de
        )

)