Letterfälle

„Letterfälle“ von Dominik Steiger

AutorInnen
Ferdinand Schmatz

Der Dichter, im einfachen Fleck aus eleganten Lettern, liest die Zeitung mit eleganten Flecken aus einfachen Lettern, an jenem Tag in der Woche, an dem sie für ihn Empfehlungen bereithält:

„Specials der Woche, TV-und Radio Programm, Watchlist, Das aktuelle Buch, Leserstimmen“, und so weiter. Im Fall des Dominik Steiger und des Standard ist dies der Donnerstag, wo aufgezeigt wird, wo wann was los ist. Diese schnelle rosa Zeitung, konzipiert für die schnellen, eleganten Leute von einfach schnellen Redakteuren, hält nämlich nicht nur für den beschaulicheren Leser Dominik Steiger einen Leseort des Verweilens bereit: einige nennen ihn Museum, andere, und das paßt besser: museum in progress.

Von diesem vermittelt, erscheinen Dominik Steigers LETTERFÄLLE gleichsam als mediales Präsent, das sich der Dichter selber schenkt. Er ist dabei Empfänger ohne Adresse, der Mann aus der Menge, der dem Zufall: „der Text erscheint, der Text erscheint nicht“ den Raum läßt, aber in diesem Raum poetisch bestimmt agiert. Er zeigt, daß die Welt, die (bei Wittgenstein) der Fall ist, auch die Schrift sein kann, die aus den Lettern fällt. Eine Schrift, die sich eigenwillig gegen das rasant Bewilligte der einheitlichen Sprache stellt, doch innerhalb ihrer domestizierten und ideologisierten Form – dem Medium, das so tut, als ob es die Botschaft wäre.

Der Künstler, kein gesellschaftlich Separater, sondern ein Verfechter ästhetischer Autonomie, deutet zwar an, daß auch das Private Sachzwang ist, wie das Funktionale und Institutionelle, aber er forscht nach der Differenz von Kunst und Öffentlichkeit und füllt den Unterschied in der Umkehrung des Spruchs aus: Die Botschaft, falls sie eine ist , wird zum Medium: EINS – heißt es im Titel einer dieser Botschaften, die keine ist und der keiner ist; denn der Titel ist bereits Bestandteil des Textes, des LETTERFALLS, jener Buchstabenfolge, die von oben nach unten, als Akrostichon vielleicht, ihren Sinn, fast, behält oder diesen Sinn erklimmt (obwohl sie das Leserauge nach unten blicken heißt: ENGEL und SPORT werden eins).

Als Eingeständnis an eine Art Systematik, wächst sie dennoch nie zum System, nicht einmal zu dem des Kreuzworträtsels aus, obwohl sie mit dessen Erscheinungsformen kokettiert. Es gibt nämlich keine Regel, außer jener der Wahrscheinlichkeit, durch Querlesen etwa einen Sinn zu ergattern, also das vorhandene Buchstabenmaterial mit seinen Möglichkeiten auszuschöpfen und umzudeuten. Da findet sich dann hin und wieder ein intaktes Wort, aber ohne festes Findungsschema, eine eindeutige Gebrauchsanweisung fehlt. Auch jene: „Auge aus der Menge lies, finde Dein Wort, mache Deinen Sinn (mit oder lehne ihn ab oder blättere um)!“ Aber weitere Verarbeitung ist möglich.

Den LETTERFÄLLEN eigen ist ihre Herkunft, nämlich die aus der fremden verrückten Sprache – die vom Leser erahnt wird, da sie auch die seine, unbewußt agierende ist. Sie hat das Kleid ihrer Unverständlichkeit abgestreift, um im üblichen Netz des Operierbaren – wiederum nur „fast“ – fast zu funktionieren. Die kleine Abweichung vom Richtigen, der kleine Fehler – sie sind Teil des Quasi-Automatischen, in dem Steigers LETTERFÄLLE keineswegs nur zirkulieren, weil sie aus ihm zu entrinnen und in das Netz der konventionellen Lettern zurückzukehren verstanden. Ihre zarte Strichführung, ihr zaghaft gesetztes Auftreten, also ihr „Druck“ darf nicht durch den Eindruck des Lieblichen verblasen werden – vielmehr, also weniger als das Ganze, betonen sie das reproduzierende Muß in den Welten des Sinns, die allgemeine Verbindlichkeit jeder noch so privat gespreizten Meditation, die nur scheinhafte Zerrissenheit der Glieder, und dennoch hoffen sie (vergeblich?) auf ein Zipfelchen Eigenheit, auch der Sprache – die sich im Zwischenraum von öffentlicher und persönlicher Rede als konzentrierte Schrift dichterisch zu behaupten vermag. Eine Schrift, welche ihre Verdichtung zur einzigen Aussage, die das verschwiegene Verschwinden der anderen bedeuten würde, galant selbst in die Schreibhand nimmt und schmucklos elegant zerstreut.

(Wien, Juni 1992)

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