Shipwreck and Workers

Shipwreck and Workers

AutorInnen
Brigitte Huck

Allan Sekula (geboren 1951 in Erie, Pennsylvania, USA) ist Autor, Fotohistoriker, Theoretiker und Kritiker. Mit seiner Teilnahme an der documenta 11 wurde er weltweit als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler bekannt, die sich kritisch auf die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen in der globalisierten Informationsgesellschaft von heute beziehen. Seine Projekte kreisen darüber hinaus um eine zentrale Frage aktueller Fotografie: Wie lassen sich die komplexen Wechselbeziehungen in wirtschaftlichen Prozessen künstlerisch thematisieren und darstellen?

In umfangreichen Fotozyklen beschäftigt sich Sekula seit den 1970er Jahren mit der „Ikonografie von Arbeit“. Aus der Tradition der amerikanischen Sozialfotografie der 1930er Jahre einer Dorothea Lange und eines Walker Evans und ihrer gefühlvoll-sentimentalen Bilder entwickelt Sekula seine spezifischen, hoch politisierten „social documentaries“. Sekula betreibt Fotografie als eine radikale kulturelle Praxis, als Widerstandsform, die Kultur und Politik miteinander vereint. „Der Dokumentarismus“, kommentierte Benjamin Buchloh Sekulas Darstellungskonvention, „sollte in einer Weise neu erfunden werden, die sowohl von der sozialdokumentarischen Tradition als auch von der künstlerischen Fotografie und vom konzeptuellen Denken abweicht.“

Zu Sekulas bevorzugten Themen gehört das Transportwesen, insbesondere die Schifffahrt. Menschen werden bei körperlicher Arbeit UND vorwiegend in öffentlichen Zusammenhängen fotografiert. Seit den 1990er Jahren dominiert das Meer als Themenfeld. Die „wahrhaftige“ Haltung der Sozialfotografie, die auf Unterschichten, Migration, Industriearbeit und Arbeitskämpfe hinweist, wird von Sekula durch ein mit Subjektivität aufgeladenes Blickverhältnis ersetzt. Sekula macht „komplizierte“ Bilder, die oberflächlich betrachtet schlicht aussehen, jedoch durch viele ineinander geschobene Ebenen komplexe Verhältnisse dokumentieren.

„Shipwreck and Workers“ ist Teil eines projektübergreifenden Referenzsystems, mit dem Allan Sekula Bildserien, Publikationen und Texte verbindet. So entstammen einige Bilder der Arbeit „Titanic's Wake“ aus dem Jahr 2000. Sekula hatte am Filmset der Hollywoodproduktion „Titanic“, der im Billiglohnland Mexiko lag, fotografiert. Von diesem Material ausgehend knüpfte Sekula sein visuelles Netz und konstruiert nun einige Jahre später für Wien eine neue Geschichte: ein dramatisch gekipptes Schiffswrack im Hafen von Istanbul, Goldschmiede hinter den vergitterten Fenstern ihrer Werkstatt, Arbeiter bei der Weinlese im französischen Saché. Dort hatte der amerikanische Bildhauer Alexander Calder sein Atelier, und es wäre nicht Sekula, wenn sich der Mann im blauen Arbeiteranzug nicht als Calders ehemaliger Skulpturenbauer entpuppte, der heute in einer Metallfabrik in Tours arbeitet. Weitere Bilder zeigen einen Schiffsinspektor aus dem kämpferischen („Battle of“) Seattle, zwei Seefahrer aus Limassol in Zypern, einen Waldarbeiter aus Thilouze und einen Öllieferanten aus Saché.

Gelassen spielt Sekula sein Repertoire aus: Totale, Details, Gruppenporträts, Stillleben, ganze und halbe Figuren. Er setzt Bildpaare ein, die Motive verdoppeln und inhaltlich leicht verschieben, ein Bildverfahren, das mit der Darstellung konsekutiver Situationen und unterschiedlicher Darstellungsweisen die Kommunikationsebenen zwischen den Protagonisten, aber auch zwischen ihnen und den Betrachtern deutlich macht. Bildunterschriften erläutern die einzelnen Motive, Kommentar und poetische Texte formulieren – zusammen mit den ungeheuer farbintensiven Fotografien – ein soziologisches Bild von Schauplätzen der Arbeit und ihr Verschwinden.

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