Austria im Rosennetz 06

Die Wiener als letzte Moderne. Gespräch mit Jacques Le Rider

AutorInnen
Robert Fleck

Über Probleme der kulturellen Identität Österreichs

Robert Fleck: Sie zählen zu jenen ausländischen Forschern, die die Wiener Jahrhundertwende genauer kannten als die Österreicher und sie uns von außen her nahebrachten. Was hat Sie bewogen, sich mit Freud, Weininger, Gross, Hofmannsthal, Kraus und Klimt auseinanderzusetzen? 

Jacques Le Rider: Vor zwanzig Jahren fehlte Wien in der Geschichte der Moderne. Die Moderne galt der deutschen Romantik entsprungen und dann in Mitteleuropa über Friedrich Nietzsche in der Weimarer Moderne und dem Berlin der Zwischenkriegszeit kulminiert. Mein Eindruck war, daß man den „Wiener Moment“ vergessen hatte. Warum? Weil es keine wirkliche moderne Bewegung in Wien gab. Dafür haben diese Künstler und Autoren vieles vorweggenommen, was man heute „Postmoderne“ nennt. „Wien um 1900“ ist das Paradox einer Postmoderne ohne Moderne.

RF: Die Postmoderne thematisiert den verlorenen Glauben in die künstlerischen und gesellschaftlichen Utopien dieses Jahrhunderts und ist heute vielfach ein Schlagwort, das alles und auch nichts sagt.

JLR: Postmoderne meint nicht eine Zeit nach der Moderne, sondern einen kritischen und skeptischen Zug, der das moderne Zeitalter seit der Französischen Revolution begleitet. Man muß drei Dinge unterscheiden. Seit zweihundert Jahren gibt es eine zuvor undenkbare politische und wirtschaftliche Modernisierung. Daneben gibt es die modernistischen Ideologien, die auf den Fortschritt drängen und sich davon eine gerechte Gesellschaft versprechen. Dazu zählt auch die moderne Kunst. Und dann haben Sie zu allen Zeiten die „Postmodernen“, die den Glauben in die Moderne durchleuchten und eine kritische Haltung zur Moderne entwickeln. Friedrich Nietzsches Angriff auf den Wissenschaftsglauben des Wilheminischen Reichs und die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer (1944) sind dafür gute Beispiele. Diese Positionen werden heute besonders aktuell.

RF: Ist es nicht weit hergeholt, Klimt und Freud zu Hauptzeugen der Postmoderne zu erklären?

JLR: Im Wien der Jahrhundertwende gab es eine rasche Modernisierung, etwa mit dem Bevölkerungswachstum und dem Multikulturalismus im täglichen Leben, aber keine international nennenswerte moderne Kunst, im Vergleich zum Kubismus und deutschen Expressionismus. Das Interessante an Klimt ist nicht sein Beitrag zur Moderne, sondern sein Widerstand gegen das Moderne. Die Wiener waren oft äußerst talentiert. Die Künstler und Schriftsteller fuhren nach Berlin, um sich die Moderne anzusehen, hatten aber nicht die geringste Lust, das in Wien einzuführen. Aus dieser Verdrängung der Moderne zogen sie ihre Kraft.

RF: Sie waren als Direktor des Französischen Kulturinstituts soeben für zwei Jahre in Wien. Sehen Sie Parallelen zu diesem Phänomen in der heutigen Kunst?

JLR: Das kann man gar nicht vergleichen. In Österreich gibt es seit 1956 eine voluntaristische Politik des Imports der Moderne, eine Art Transplantation der Moderne, die es zur Jahrhundertwende nicht gab. Ich war ganz im Gegenteil überrascht, mit welchem Ernst man in Wien noch über die Moderne spricht und mit einem modernen Impetus arbeitet. Als seien die Wiener heute die letzten Modernen. Anderswo spielt das überhaupt keine Rolle mehr.

RF: Ist das eine Aufbruchstimmung oder ein Nachzugsgefecht?

JLR: Wirklich frappierte mich, wie sehr sich die Österreicher ständig fragen: „Was ist Österreich? Wozu Österreich? Wohin mit Österreich?“ Das zeigt eine Krise der Identität an, die sich bereits in der Literatur der Jahrhundertwende ähnlich ausgeprägt findet. Die österreichische Identität, die schon vor dem Ersten Weltkrieg schwach ausgebildet war, scheint noch immer nicht abgesichert. Das findet man sonst nur in der Schweiz, bei Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

RF: Sie meinen Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek?

JLR: Wie zur Jahrhundertwende werden gesellschaftliche und ideologische Krisen umgehend zu Krisen der individuellen Identität. Österreich geht offensichtlich in die intimsten Fasern der Persönlichkeit. Ich kenne Intellektuelle, die buchstäblich krank sind an ihrer österreichischen Identität, während Österreich ein charmantes Land ist und die gegenwärtigen Probleme doch bescheiden sind im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern. Herr Haider ist ja fast ein folkloristisches Phänomen im Verhältnis zum „Front National“.

RF: „Austria im Rosennetz“ war der musealische Höhepunkt der Millenniums-Feiern. Wie sahen Sie diese von außen?

JLR: Ich habe den Beginn des Millenniums noch in Wien erlebt. Man konnte gar nicht anders, als an die „Parallelaktion“ bei Robert Musil zu denken. Da jene, denen Ostarrichi nicht sympathisch ist, sich an die Jahrestage zur Befreiung 1945 und zum Staatsvertrag halten konnten, war das recht gelungen – auch das ist ziemlich postmodern. Und dann muß man zugutehalten, daß es nicht die kleinste Spur von Chauvinismus und kulturellem Nationalismus gab. Viel Narzissmus dagegen – aber das hat mit der unsicheren Identität zu tun.

RF: Berlin feierte 1988 seinen 750. Jahrestag, die Schweiz 1992 ihren 700jährigen Bestand. Ist die Behauptung einer tausendjährigen Existenz da nicht weniger unschuldig, als es scheint?

JLR: Ich finde im Gegenteil, daß tausend Jahre fast nichts sind in der europäischen Geschichte. Im Vergleich zu Spanien, England, Italien, Griechenland und anderen mehrfach tausendjährigen Nationen. Selbst Deutschland ist ja historisch und geistesgeschichtlich viel älter. In den Millenniums-Ausstellungen konnte man auch sehen, daß Österreich in fast jedem Jahrhundert geographisch und politisch ein anderes Gebilde war. Deshalb heute diese Fragen zur Identität. Die Erwähnung von Ostarrichi im Jahr 996 gibt natürlich keinesfalls einen tragenden, vereinigenden Nationalmythos her. Dazu ist das Ereignis zu kirchlich und zu diplomatisch-abstrakt. Und dazu noch in einem Schriftstück an die Bayern – und die haben die Österreicher ja noch nie gemocht.


Jacques Le Rider, geb. 1954, lebt in Paris. Germanist und Spezialist der Wiener Jahrhundertwende. 1994 bis August 1996 Leiter des Französischen Kulturinstituts in Wien. Auf Deutsch liegt vor: Der Fall Otto Weininger (1985), Das Ende der Illusion. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität (1990), Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffes (1994). Dieser Tage erscheint sein Buch „Hugo von Hofmannsthal. Historismus und Moderne in der Literatur der Jahrhundertwende“ im Böhlau-Verlag.

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