Austria im Rosennetz 05

Pater Peter, der Liszt der Orgel. Kirchenmann Peter Singer erfand einen Vorläufer des Synthesizer

AutorInnen
Klaus Ferentschik

Die Zelle, die Pater Peter Singer im Salzburger Kloster bewohnt, befindet sich im dritten Stockwerk und ist sehr geräumig. Gleichzeitig Studier-, Musik-, Schlafzimmer und Werkstatt, liegen hier die verschiedensten Werkzeuge für Drechsler-, Tischler- und Metallarbeiten umher, bedeckt Musiknotenpapier den Schreibtisch. Am Fenster, mit Aussicht auf den Klostergarten, steht ein Käfig mit einem Gimpel und inmitten der Zelle das Pansymphonikum. Seit er es richtig gebaut hat, spielt Pater Peter Singer jeden Vormittag zwischen zehn und elf Uhr in seiner Klosterzelle auf diesem Tasteninstrument mit 42 verschiedenen Registern für die Nachahmung diverser Instrumente wie Violine, Viola, Oboa, Klarinette, Flöte etc., ergötzt und verzückt mit zarten und pompösen Orchestertönen die Zuhörer, die mitunter in Scharen zu ihm pilgern. Er setzt sich vor diese Art Orgel mit doppelter Claviatur, Pedal und Manual, präludiert, was wie ein Klavierspiel klingt, zieht ein Register, flüstert das Wort Flöte und tatsächlich erklingen die lieblichsten Flötentöne in den Ohren des Publikums, welches sich bei geschlossenen Augen in eine, Flötenkonzert wähnt, das bald durch andere Instrumente abgelöst wird.

Allein an den fünf Mozartfesttagen 1956 sind an die 1300 Personen in der Zelle gewesen, um dem Spiel zu lauschen. Die Salzburger, heißt es, verehren Pater Peter, er ist für sie nicht nur der würdige Priester, sondern auch der Künstler, zu dem alljährlich Tausende von Fremden aus aller Herren Länder kommen, um sein Orgelspiel, um seine Instrumente zu bewundern, die er allein und ohne Beihilfe erdacht und geschaffen hat.

Wegen seiner Nervosität darf er in seinen letzten Jahren nur noch vormittäglich eine halbe Stunde darauf spielen, er verträgt keine grellen Töne mehr, weshalb auch sein 50jähriges Klosterjubiläum so leise wie möglich abgehalten wird. Da ist der Pater, der schon als Knabe die Flöte zu fertigen versteht, längst Novizenmeister der Nordtiroler Franziskanerprovinz und Organist, der dem Ruf nach Salzburg gefolgt ist, ein über die Regionen hinaus bekannter Mann, zu dem im Laufe seines Lebens, bis auf den Papst, alle pilgern, um sein Pansymphonikon zu bewundern. Ganz gleich wie sie heißen, Franz Liszt, Anton Bruckner, Kaiserin Carolina Augusta von Österreich oder König Ludwig I. von Bayern, zu dem Pater Peter hin und wieder reist, weil dieser ihn mit seiner Physharmonika, die er insgeheim nur der liebe Narr nennt, spielen hören will. Bei der Erfindung und Herstellung dieses kleinen Instrumentes (77 cm hoch, 25 cm tief, 66 cm lang), es ist teilweise zusammenklappbar und kann einfach in einem Kästchen transportiert werden, ging es dem Pater um die experimentelle Lösung des Problemes, in einem möglichst kleindimensionierten Volumen einen möglichst starken und vollen Ton zu erzeugen, und die Physharmonica stellt in ihrer Art für den sachkundigen Beschauer und staunenden Zuhörer kein geringeres Rätsel dar, als das größere Werk, das Pansymphonikon.

Als Franz Liszt zum ersten Mal den Pater auf diesem spielen hört, bemerkt er schlicht, daß das Spiel des Geistlichen in gewisser Hinsicht dem seinen gleiche. Bin ich der Paganini des Klaviers, dann ist Pater Peter der Liszt der Orgel. Aber nicht immer sind die Stimmen positiv, gerade innerhalb der Kirche hat Pater Peter Widersacher, die öffentlich gegen sein Spiel polemisieren. Dazu gehört beispielsweise das geistige Haupt der Bewegung zur Reform der Kirchenmusik, Franz Xaver Witt, der im Todesjahr des Musikerpaters in der Zeitschrift Musica Sacra schreibt, es glücklich vermeiden zu haben, bisher die kirchenmusikalischen Leistungen Singers besprechen zu müssen, dessen Orgelspiel immer durchaus unkirchlich, trivial gewesen sei, wie die von ihm aufgeführten und komponierten Messen, und daß der Geistliche in der Kirchenmusik dem allerschlechtesten Geschmacke huldigte. P.P.S. mag also ein Musiker gewesen sein – ein Kirchenmusiker war er nicht und durch die von ihm aufgeführte Kirchenmusik verbreitete er nur das allerunkirchlichste Genre von Orgelspiel und Kirchenmusik. Sein nicht geringer Einfluß hierin war von der allerschlimmsten Art.

Pater Peter Singer, dessen Spiel vor allem auf Improvisation ausgerichtet war, weil, wie er schon als Bub betonte, er sonst drauskäme, hat auch andere Instrumente angefertigt und ein großes, nicht für die Orgel bestimmtes, kompositorisches Oeuvre hinterlassen, das ihn zu einem Hauptrepräsentanten der Franziskanermusik macht, hat theologische Schriften verfaßt, ein Systematisch alphabetisches Repertorium der homöopathischen Arzneien, eine humoristische Zoologie oder Vieh-Ideen sowie ein großes, wegweisendes Werk über die Metaphysischen Blicke in die Tonwelt nebst einem dadurch veranlaßten neuen System der Tonwissenschaft.


Lit.: Manfred Schneider, Pater Peter Singer (1810–1882). Ein außerferner Franziskaner als Salzburger Attraktion, in: Künstler, Händler, Handwerker. Tiroler Schwaben in Europa, Ausstellungskatalog Innsbruck/Reutte 1989; P. Hartmann von der Lan-Hochbrunn, Pater Peter Singer, Innsbruck 1910.

Klaus Ferentschik, Dr. Phil., in Graben/Baden geboren, lebt und schreibt derzeit in Wien.

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