Austria im Rosennetz 03

„Nicht unmoralisch, aber amoralisch“. Andere über Erich von Stroheim, und er über sich selbst

AutorInnen
Klaus Ferentschik

Für seinen Film Merry-Go-Round bestellt Erich von Stroheim (1885 Wien–1957 Maurepas) im Jahre 1922 sehr elegante männliche Unterwäsche für ein komplett ausgerüstetes k.k. Regiment. Die schwarzseidenen Unterhosen, jede einzeln mit einem eingestickten Habsburger Wappen versehen, sollten von den Soldaten unter den Uniformen getragen werden.

Der Stückpreis betrug zwanzig Dollar, und die Geschäftsführer der Produktionsfirma, wie jedesmal schockiert von Stroheims Verschwendungs- bzw. Praßsucht, erbaten von dem Regisseur eine Stellungnahme zu den für sie unnötig aufwendigen und sündhaft teuren Statistenrequisiten.

Stroheim, 1908 aus seiner Geburtsstadt Wien in die Vereinigten Staaten eingewandert – in den dreißiger Jahren von den Produzenten als teuerster Regisseur nach unzähligen Klatschspaltereien, Intrigen und Querelen auf die Schwarze Liste gesetzt – besteht auf der bestickten Unterwäsche, da das Habsburgerwappen darauf wichtig für die Haltung der Soldaten sei.

Über die Dreharbeiten zu seinen Filmen, die meist unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfanden, kursierten die wildesten Gerüchte. Wirklicher Champagner und echter Kaviar wurden dabei gereicht, und die von Stroheim sorgsamst ausgesuchten Statisten, selbst Gelegenheitsstatisten waren bei Strafe der sofortigen Entlassung zum Schweigen verpflichtet, verließen mitunter völlig verstört die Filmateliers, wobei gewisse Frauen Peitschenspuren aufwiesen.

Für den 1927 fertiggestellten Film The Wedding March ließ er eigens eine Männerbändigerin aus Wien kommen, eine Ungarin in Stiefeln, Genre Wanda, die zudem einen Apparat für masochistische Zwecke bedienen konnte. Seine Filme mit ihrer bisweilen überschäumenden Erotik, der rauschhaften Sucht nach Lust und einer obsessiven Atmosphäre machten ihn zum König der Regisseure, dessen Arbeiten in Hollywood stets gekürzt wurden, bevor sie rigoros zensiert in die Kinos kamen. Die Einschreitungsmaßnahmen seitens der Produzenten gingen sogar dahin, daß er 1928 seinen letzten Film in Hollywood, Queen Kelly, nicht beenden durfte, worauf er sich von der Regie zurückzog und als Schauspieler, bevorzugt in Frankreich, arbeitete.

Der wilde Visionär war den Zwergenhirnen der Ateliers nicht gewachsen, und als er enttäuscht und verbittert nach Europa zurückkehrte, erklärte er ohne Umschweife, Hollywood hat mich geschafft. Eine Art Selbstbildnis liefert Erich von Stroheim in der Personenbeschreibung Hans Carl Maria von Treuenfels', später Leutnant von Steuben in dem Film Blind Husbands, USA, Universal, 1919:

Ein junger Österreichischer Aristokrat – selbstzufrieden und selbstgenügend. Ein wenig eingebildet über seine letzten Erfolge beim anderen Geschlecht. Eher schmal von Statur – mit heimelig ungleichmäßigen Zügen, betont durch das extrem kurz geschnittene Haar und einer breiten Säbelnarbe, die seine Stirn und Nase kreuzt. Ein guter Reiter – eleganter Tänzer – bezaubernder Unterhalter und verwegener Schmeichler. Nicht unmoralisch – aber amoralisch. Vollkommen gewissenlos was seine Liebesgeschichten betrifft. Ein von ihm betrogener und verratener Ehemann erhält von ihm nicht weniger Rücksichtnahme, als der kleine Wurm auf dem Boden, auf den er zufällig tritt. Wirklich keine schlechte Person – insgesamt – aber „Was kann man gegen seine überentwickelten Instinkte und einen übersteigerten Geschlechtstrieb machen“. „Ist es sein Fehler, daß die Frau, die er begehrt, die Gattin eines anderen ist?“ Soll einer sich zurückhalten, nur weil dieser Ehemann ein Freund war und im Vertrauen und aus Selbstsucht seine Frau einer Obhut anvertraute? „ – “ Ein wenig von einem Prahler – und ein wenig von einem Lügner – ein wenig von einem Helden – ein wenig von einem Feigling, mit einem unheimlichen Verständnis für das Gemüt der Frau, wie jeder Buhler. Die Affäre mit Stanzi ist für Treuenfels nur eine gemütlich errungene, ohne jedwede Bemühungen. Es bedeutet ihm nichts. Es hätte auch ein Kuhmädchen an ihrer Stelle sein können, aber sein Ego ist befriedigt, wenn sie ihm ihre Eifersucht zeigt. – Seine Affäre mit Leni stützt sich auf seinen dauernden Drang, jungfräuliches Gebiet zu erforschen, und in seiner vorgegebenen Rolle als ritterlicher Märchenprinz ist er vollkommen edel. Leni selbst bedeutet ihm tatsächlich nicht mehr als Stanzi. Seine Affäre mit Mrs. Armstrong ist eher wie die Leidenschaft eines Jägers, sich an eine Gemse heranzupirschen – hervorgerufen durch die Gefahr und Schwierigkeiten und Notwendigkeit der Ausführung – ebenso sollte seine sadistische Neigung in Erwägung gezogen werden – die ihm die schwierige Aufgabe zur Freude machte, Mars. Armstrong von ihrem Mann loszuködern, das viel mehr – als es vor den Augen des ahnungslosen, immer vertrauenden Ehemannes zu treiben... Genauso bilden für ihn die Möglichkeit entdeckt zu werden und die unvermeidlichen Konsequenzen daraus die Würze. Er sieht sich selbst als Plage, mit der man ins Geschäft kommen muß. Äußerlich – quasi ganz herzlich; innerlich – er verabscheut ihn, weil er unterbewußt in Sepp diese feinen und geistigen Qualitäten, die ihm mangeln, anerkennt.


Über Erich von Stroheim erschien 1994 ein Sammelband, herausgegeben von Wolfgang Jacobson, Helga Bach und Norbert Grob, im Berliner Argon-Verlag. Erinnerungen: Erich von Stroheim, Paprika (New York 1935).

Klaus Ferentschik, Dr. Phil., in Graben/Baden geboren, lebt und schreibt derzeit in Wien.

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