Austria im Rosennetz 02

Das Sympathiemeer. Über die späte Entdeckung des Aloys Zötl

AutorInnen
Klaus Ferentschik

Die infame Nacktheit eines Kalbsmauls, die jene im Alter vor den anderen nicht verbergen können, die, laut einer zu alten Amme, in ihrer Kindheit an Milchschorf litten, hat Aloys Zötl zeitlebens nie dargestellt. 

Ob er ihr je begegnet, in den von ihm verehrten Büchern, die er im Lauf der Zeit erwirbt, ist ungewiß. Unwahrscheinlich auch, daß Zötl an den dämmerigen Abenden und in den tiefen Nächten, in denen er nicht gerade versucht ein Tier der schändlichen Menagerie unserer Laster auf einem Aquarell abzubilden, im Alter wohlgemerkt, nicht alleine im kommoden Sessel sitzt, sein Pfeifchen raucht und in illustren Werken der Naturgeschichte, ethnographischen Druckbänden sowie zahlreichen bekupferten Reiseberichten blättert, wobei seine von der täglichen Feuchtigkeit verrunzelten Hände diesen beißenden Geruch nach Farbe und Waschlauge ausströmen.

Zwar munkeln manche, der Zöllner aus dem bretonischen Laval sei damals oft bei ihm gesessen, der junge Henri Rousseau, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, und habe dann beim Aquarellieren mehr als bloß dem unbewußten Meister über dessen Schulter geschaut, ihm jedoch das infame Bestiarium überlassen und für seinen Zoo die restliche Tierwelt mitgenommen, aber das ist wohl sehr spekulativ gesprochen.

Verbürgt ist auch nicht, daß Zötl in den Blumen des Bösen gelesen, oder daß Baudelaire die Eingangswidmung an den Leser gar für ihn, inspiriert von dessen Bestiarium, geschrieben hat. Doch zwischen Panthern, Schakalen und Hunden / In der Skorpionen, Schlangen, Affen Welt, / Die kriecht und schleicht und heult und kläfft und bellt, / Im Tierhaus unser Laster ward gefunden.

Gewiß ist jedenfalls, daß die bürgerliche Teresa Gruber Taufpatin von Aloys Zötl ist, daß dieser, wie sein Vater, Färbermeister wird, nach seiner Heirat mit Theresia Edtmeir von Freistadt nach Eferding zieht, das er eigentlich nie verläßt, daß er dort nach einer langen Krankheit und mit den kirchlichen Sakramenten versehen, dreizehn Jahre nach dem Tod seiner Frau stirbt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat er keines seiner Aquarelle verkauft. Die Bilder, alle signiert (Aloys Zötl fecit), genauestens datiert und von Anbeginn 56 Jahre lang ohne irgendwelche stilistischen Änderungen, mit einer geradezu phantastischen und außergewöhnlichen Stilsicherheit sowie einer eigenwilligen künstlerischen Freiheit gemalt, werden Großteils 1955 (19.12.) und 1956 (03.05.) in Paris im Hotel Drouot verkauft, gekauft von Privatpersonen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, die nach wie vor keinen Zugang zum Zötl'schen Werk hat, da bisher in keinem Museum der Welt auch nur irgendein Bild ausgestellt ist.

Anläßlich dieser Auktion notiert André Breton über diesen bescheidenen Maler der Vögel und der Säugetiere, der nach wie vor im Verborgenen steht: Das rasche Absetzen der ersten Hälfte der Werke aus dem Atelier von Aloys Zötl, bisher unbekannter Künstler, neulich bei der öffentlichen Versteigerung, hat das wirkliche Ausmaß der Reize, welche sie ausüben, gezeigt und sich sogleich auf die lebhafte Konkurrenz niedergeschlagen. Diese zweite und letzte Versteigerung, mit angebotenen einhundertsiebzig Aquarellen von nicht minderer Qualität, kann nur einer Gunstvermehrung nutzen. Um keinen Fehler bezüglich anderer biographischer Details zu begehen, so vermag man nur freiweg zu träumen, was das Unternehmen dieses Fäbermeisters aus Oberösterreich bedingen konnte, der von 1832–1887 einen solchen Eifer daran setzte das prächtigste Bestiarium, das je gesehen worden, abzubilden.

Das Auge ergötzt sich an der feinsten Farbwahl und ihrer Grundtöne. Zötl ist in den Besitz eines geistigen Prismas gekommen, das gleich einem Sehinstrument funktioniert und ihm bis in die entferntesten Specimen das Reich der Tiere enthüllt, von dem man weiß, welches Rätsel es in uns birgt, wie man die ursprüngliche Rolle kennt, die es im unterbewußten Symbolismus spielt.

„Die Tierwelt“, hat Lamartine gesagt, „ist ein Meer von Sympathien, aus dem wir nur einen Tropfen trinken können, uns aber den Magen verderben, würden wir es stromweise aufsaugen.“ Aus diesem Sympathiemeer könnten wohl nur noch die „Dschungel“ von Henri Rousseau auftauchen, der sich mit Zötl bei mehr als nur einem Titel verschwägert. Genauso vergebens wie man, selbst noch heutzutage, drolligerweise die Botanikexperten in New York bemühen würde, herauszufinden, ob der Zöllner in direkten Kontakt mit der tropischen Vegetation hätte treten können, würde man, außerhalb von einigen zweifellos seltenen Dokumenten über sein Leben, nachzuweisen versuchen, daß Zötl diese vollkommene organische Übereinstimmung des Tieres und seiner Heimat gefunden hat, deren lebendige Hieroglyphe er ist.

Das Wunder ist, daß der eine sich hier als konstante Funktion des anderen erweist, und daß, durch die Tugend einer außergewöhnlichen Gunst, Zötl uns das Gemüt der universellen Harmonie zuführt, die auf unseren tiefsten Grund verdrängt ist.


Aloys Zötl (geb. 1803 in Freistadt, gest. 1887 in Eferding).

Über Aloys Zötl erschien eine Monographie mit Texten von Julio Cortazar, Giovanni Mariotti und José Pierre im Verlag Franco Maria Ricci (Mailand 1976). Der Essay von André Breton ist im Sammelband Le surréalisme et la peinture (Paris 1965) enthalten.

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