Austria im Rosennetz 01

Regeln aus Ausnahmen. Die Gegenwelten des Paul von Rittinger

AutorInnen
Klaus Ferentschik

Einen Vollbart läßt sich Dr. Paul von Rittinger in Saßnitz auf der Insel Rügen wachsen, er ist dort während des Ersten Weltkrieges vorübergehend als Dolmetscher für Schwedisch und Russisch eingesetzt, einen Vollbart, den er sich bei seinem Heimaturlaub in Innsbruck wieder abschert. Aber zum Entsetzen seiner Frau sowie der weiteren Familienangehörigen und nahen wie fernen Bekannten, präsentiert er sich daraufhin eine Zeitlang halbbärtig, rasiert bloß die linke Gesichtshälfte, auf der rechten bleibt der volle Bart stehen. 

Nachtragen wird dies derweil dem blendenden, humorvollen Erzähler und phantasievollen Gesprächspartner niemand, seine Umwelt ist gewisse Freiheiten gewöhnt, die sich Rittinger bisweilen herausnimmt, der 1910, 31jährig, seine ersten Bilder malt, philosophische Schriften verfaßt und eines Tages seinem Sohn eine Art Anleitung zur Bewahrung der geistigen Unabhängigkeit mit auf den Lebensweg gibt. Schau, Bub, die Welt ist wie eine riesengroße Menagerie und die Menschen in ihr lauter Menagerie-Viecherln. Schau sie dir nur genau an und ärgere dich nicht über das Lama, wenn es dich anspuckt, das gehört zu seinem Lebensstil. Verlang nicht von ihm, daß es den deinen leben soll, aber laß dir auch von ihm den seinen nicht aufdrängen.

Der einstige Theresianumschüler stellt 1917 die ersten Bilder in einer Tiroler Kunsthandlung in Innsbruck aus und übersiedelt ebendort 1921 mit seiner Familie von der Dreiheiligenstraße in die Meinhardstraße. In der neuen Wohnung baut und richtet er das alpanische Zimmer ein, benannt nach einem Bild zu der Erzählung Die wunderbaren Tauben des Prosper Alpanus von E.T.A. Hoffmann, und feiert darin Fasching 1922 das sogenannte Alpanische Fest.

Immer wieder versucht er, aus den Bahnen auszubrechen, seine Phantasie zu leben, und es ist ihm schon bald bewußt, daß, will er sich aus der kulturellen Beschränktheit lösen, was durchaus sein erstrebenswertes Ziel darstellt, er primär die Schranken des europäischen Kulturkreises durchbrechen, andere, völlig fremde Kulturen aus erster Sicht kennenlernen muß. Deshalb lernt er Sanskrit, um die Epen der Inder im Original lesen zu können, studiert zur Erforschung der Lehren des Konfutse Chinesisch, legt sich eine riesige Bibliothek sowie, ab den späten Zwanzigerjahren, eine große Schallplattensammlung an, gestaltet seinen eigenen historischen Atlas und wird von den Mitmenschen das wandelnde Lexikon genannt, dem sein Erdenplatz einfach zu beschränkt ist.

So malt er kurzerhand eigene Planeten im Universum, deren Aussehen er in dem Zyklus Planetenlandschaften abbildet. Beispielsweise den Planeten Gimpelhuber, das pure Gegenstück zur Mutter Erde, mit grünem Himmel und blauem Boden, fliegenden Fischen und schwimmenden Vögeln, wo mickrige Schoßhündchen zu edlen Rössern werden, kurzfüßige Bulldöggchen die bulligen Elefanten an mehrfacher Korpulenz übertreffen und den häßlichen grauen Bewohnern als Zierde schwarze Blumen auf den Kopf wachsen.

Für seine nächsten, ihn umgebenden Erdenbewohner entwirft der aus dem gehobenen kleinaristokratischen Mittelstand Wiens stammende Rittinger einen Familienmammutstammbaum, eine Rolle von letztlich zweieinhalb Metern Länge, sogar mit Aszendenzen der Groß-, Urgroß- und Ururgroßmütter sowie -väter ausgestattet, und für sich selbst notiert er über 400 Bildtitel.

In den dreißiger Jahren veranlaßt ihn die Notlage der eigenen Familie, Interessierten gegen ein geringes Entgelt im Rahmen von Vorträgen Einblicke in sein universelles Wissen zu geben. An dem gespannten Publikum läßt er, innerhalb dieser Vortragszyklen, die gesamte Geschichte der Malerei von Giotto bis auf den heutigen Tag vorüberziehen. Er führt die Anwesenden in die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts ein, in die Malerei Ostasiens, die Indische Architektur oder die Landschaften Amerikas. Hier zeigt er auch sein historisches Atlaswerk, worin, auf drei Weltkarten pro Jahrhundert, der jeweilige Stand der Staatenbildung aufgezeigt wird.

Als Sprecher der Welt, fühlt er sich dazu berufen, immer wieder darauf zu verweisen, daß die hiesige Kulturleistung nur eine unter vielen anderen sei und kein Grund bestünde, sich hier auf ein engstirniges Podest zu stellen.

Weit entfernt jeglicher Engstirnigkeit ist auch das Spiel, das der Eigenbrötler, Privatgelehrte, Maler, Kosmopolit, Familienvater und Philosoph für seine Familie gestaltet. Es handelt sich dabei um das Sindbad-Spiel, ein abenteuerliches Gesellschaftsspiel die Welt zu durchreisen, mit dem sich die Rittingers oft vergnügen, und bei dem die von Rittinger aufgestellten Regeln in Wirklichkeit eine Aufzählung von Ausnahmen von denselben sind. Ganz im Sinne der ‚Pataphysik’, die nach wie vor „die Gesetze untersucht, durch die die Ausnahmen bestimmt werden – oder bescheidener, sie soll ein Universum beschreiben, das man sehen kann und das man vielleicht statt des Überkommenen sehen sollte, weil die Gesetze des überkommenen Universums, die man entdeckt zu haben glaubt, Wechselbeziehungen zwischen Ausnahmen, wenn auch ziemlich häufigen, darstellen, auf jeden Fall aber zwischen akzidentiellen Fakten, die nicht einmal den Preis der Einmaligkeit besitzen, weil sie sich auf wenig aussergewöhnliche Ausnahmen beschränken.“ (Jarry)


Paul von Rittinger (Oberhollabrunn 1878 – Innsbruck 1953).

Lit. Paul Flora, „Der Abenteurer im Schlafrock“, in: Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift, Nr. 53, Haymon-Verlag, Innsbruck 1992.

Klaus Ferentschik, Dr. Phil., in Graben/Baden geboren, lebt und schreibt derzeit in Wien.

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