Symposium 02

Militanter Partikularismus: Beta-Test für eine neue Gesellschaft

AutorInnen
Vincent Mosco

Es gibt ein Weiterleben nach dem angeblichen Tod der Geographie: In den hochtechnologischen Zentren können sich neue Bürgerschaften entwickeln

Nach einem neueren Befund von David Harvey (1996) berief sich Raymond Williams gern auf den Begriff des „militanten Partikularismus“, was heißt, daß in spezifischen lokalen Auseinandersetzungen entwickelte Solidaritäten zur Entstehung allgemeiner Ideen vom Wohl der Menschheit führten. Im vorliegenden Artikel geht es um eine zeitgenössische Version von militantem Partikularismus, die manche als verzerrte oder auch perverse Variation auf Williams' Thema ansehen mögen, nämlich um die Schaffung von lokalen und regionalen Hochtechnologiezonen, die die räumlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse einer Region auf Kosten der Öffentlichkeit und demokratischer Ideale transformieren.

Daß die Computerkommunikation der Geographie ein Ende setze, indem sie eine Revolution im Prozeß der Überwindung räumlicher, historisch den Informationsfluß hemmender Beschränkungen vollendet, ist ein Mythos von zunehmender Beliebtheit. The Death of Distance (Cairncross, 1997) ist lediglich das jüngste einer Reihe von Büchern, die vom Triumph der Technologie über den Raum, der Vernichtung von Raum durch Zeit künden. Das Argument ist einfach. Durch die Konvergenz von Computer- und Kommunikationstechnologie kann man heute jederzeit und überall zusammentreffen. Das ermöglicht einen allumfassenden Austausch von Information, vom normalen Gespräch zwischen zwei Menschen bis zum Betrieb eines multinationalen Konzerns mit seinen vielfältigen Erfordernissen eines raschen, effizienten und fast total sicheren Informationsflusses. Entfernungen spielen nahezu keine Rolle mehr und werden, speziell mit der Einführung globaler Satellitensysteme, die eine ungebrochene drahtlose Kommunikation zwischen allen Punkten der Erde gestatten, bald vollkommen unerheblich sein. In einem wesentlichen Sinn wird aller Raum zum Cyberspace, weil die Kommunikation in ihn auswandert.

Trotz gelegentlicher Nuancen in der Literatur vom „Tod der Entfernung“ handelt es sich dabei um eine typisch nach Atem ringende Übertreibung. Übermannt vom „technologischen Erhabenen“ übersehen die Künder vom Tod der Entfernung wesentliche Merkmale der Kommunikation, die nahelegen, den Sinn dieses Wortes zu modifizieren. Wenn die Überwindung der Entfernung tatsächlich die Kommunikation verbessert, so entgeht deren Anhängern, daß die vermehrte Kommunikation meist genauso Unstimmigkeiten und Konflikte verstärkt. Eisenbahn und Telegraph ließen Europa nicht nur im Frieden sondern auch im Krieg zusammenrücken. Außerdem, und das ist für das hier besprochene Thema besonders wichtig, unterschätzen die, die das Ende der Geographie beschwören, die Bedeutung des persönlichen Kontakts und informeller Netzwerke.

Ein Grund, weshalb spezifische Orte trotz der Rede vom „Ende der Geographie“ zunehmend an Bedeutung gewinnen, zeigt sich in der Technopolis: Sie ist ein konkreter Ort, der die Institutionen, Arbeitskräfte und Finanzmittel vereint, welche die Grundstoffe der Informationswirtschaft hervorbringen. Diese verdanken sich diversen lokalen, nationalen und in manchen Fällen auch internationalen Planungsaktivitäten von öffentlichen und privaten Organisationen zur Förderung systematischer technischer Innovation. Der Begriff Technopolis geht auf die Anstrengung der japanischen Regierung in den 60er Jahren zurück, etwa 70 Kilometer außerhalb von Tokyo die wissenschaftsbasierte Technopolis Tsukuba zu erbauen. Die Ikone und erfolgreichste Form der Technopolis ist für die meisten heute sicherlich das kalifornische Silicon Valley. Castells und Hall (1994) erwähnen in ihrer globalen Studie rund zwei Dutzend Technopolen, von denen viele dem Silicon-Valley-Modell nachzueifern versuchen. Die interessantesten dieser neueren Technopolen greifen sowohl auf das japanische Modell als auch auf das von Silicon Valley zurück. Wichtiger aber ist, daß sie diese ein bedeutendes Stück vorantreiben. Die älteren Erfolgsmodelle waren geschmeidige Produktionsnetzwerke, die verschiedene Experten zusammenführten, um Innovationen von der Idee zur Marktreife zu bringen. Neuere Technopolen integrieren solche Produktionsnetzwerke in ähnlich geschmeidige, in der Technopolis selbst angesiedelte Konsumnetzwerke. Die Silicon Alley von New York City und der Multimedia Superkorridor in Malaysia repräsentieren zwei Arten dieser neueren Computer-Technopolen.

Silicon Alley ist die technische Drehscheibe einer Anhäufung von New Yorker Medienunternehmen, in der sich Werbung, Verlagswesen, Rundfunk, Telekommunikation, Massenunterhaltung, zeitgenössische Kunst und Mode verbinden, die sich alle in einer Reihe überlappender, von der Broad Street an der Südspitze Manhattans über den Times Square bis zur Madison Avenue reichender Bezirke konzentrieren. Die von den Finanzdienstleistungsfirmen im Zuge des Arbeitsplätzeabbaus, den die neuen Technologien und Standortauslagerungen mit sich brachten, leer zurückgelassenen Bürogebäude besetzend und so einer einst bankrotten Stadt ohne Produktionsalternativen postindustriellen Flair verleihend, verkörpert Silicon Alley eine Cyber-Version des Phönix-Mythos: eine Stadt wiedererstanden aus der Asche ihrer industriellen Vergangenheit. Der Mythos ist aber auch Antrieb für eine Transformation der urbanen Polit- und Machtverhältnisse, wenn etwa unternehmenskontrollierte Körperschaften wie „Geschäftsverbesserungsbezirke“ öffentliche Räume in private Enklaven verwandeln und die Regeln von Polizeiarbeit, zivilem Handeln und öffentlichem Spektakel umschreiben. All das findet um der Connectivity willen statt, worunter in diesem Fall die Verbindungen zwischen der konvergierenden Computer-, Kommunikations- und Kulturbranche Manhattans und dem Marktpotential einer auf die weltweite Erhöhung elektronischer Connectivity bauenden Web-Industrie zu verstehen sind. Anfang 1997 hatte New York, was die Anzahl registrierter kommerzieller und gemeinnütziger Internet-Domains angeht, alle anderen Städte überflügelt, es verfügte über doppelt so viele wie der größte Konkurrent, San Francisco, und 4,3% des gesamten US-Anteils. Darüberhinaus ist Silicon Alley zum Modell für die mobilen Produktionsweisen geworden, die in der Web-Arbeit immer häufiger werden. Gelegenheitsarbeiter kommen und gehen, nutzen wenn nötig die physische Nähe und kehren wieder an andere Büro- oder Heimatstandorte zurück.

Sieht man New York als den aus der Asche des industriellen Niedergangs aufsteigenden Phönix des Informationszeitalters, dann ist Malaysia dessen Wunderland, wo sich Palmölplantagen fast über Nacht in Multimedia Superkorridore verwandeln. Der Multimedia-Superkorridor stellt einen anderen aber verwandten Mythos dar, nämlich den von der creatio ex nihilo, denn die malayische Regierung schafft aus den von ihr als Rohmaterial betrachteten 1000 Quadratkilometern Regenwald und Palmölplantagen südlich von Kuala Lumpur eine völlig neu erbaute Umwelt. Das malayische „Nichts“ macht zwei neuen Hochtechnologiestädten Platz: Cyberjaya, das ein Experte als „Info-Tech-Omphalos“ bezeichnet hat, und Putrajaya, eine cybergemäße Hauptstadt mit Administrationszentrum und neuem internationalen Flughafen. In diesen Städten werden, wenn es nach Plan geht, Beamte der Öffentlichkeit im Cyberspace dienen, Konsumenten ihre Einkäufe mit Chipkarten tätigen, Kinder virtuelle Schulen besuchen, Professoren an der geplanten Multimediauniversität elektronisch unterrichten, Manager mittels Teleconferencing ihre Führungsaufgaben erledigen und Patienten telemedizinisch behandelt. Die Regierung hat Abkommen mit vielen der führenden Computerkommunikationsfirmen, u.a. mit Microsoft, IBM und Nortel getroffen, die in der Region Niederlassungen zur Erprobung neuer Produkte und Dienste wie elektronischem Handel, Telemedizin, virtuellem Erziehungswesen, papierloser Verwaltung und neuester elektronischer Überwachungstechnik gründen. Malaysia hofft, mit diesem Projekt seine stagnierende Wirtschaft anzukurbeln und mit ihm als Wachstumsbasis über das Billiglohnland hinauszuwachsen. Das Erkaufen dieses erhofften Wachstums durch die Umwandlung malaysischen Bodens in den Schauplatz transnationaler Cyberentwicklungsprojekte und seiner Bürger in Beta-Tester eines elektronischen Kapitalismus hat tiefgreifende Implikationen.

Die wichtigste Schlußfolgerung, die ich aus meiner Analyse dieser Fälle ziehen kann, und die mehr oder minder für die gesamte einschlägige Literatur zutrifft, ist die, daß großes Interesse an Technopolen als Wachstumsmotoren herrscht, ein wenig als neue kulturelle Repräsentationszentren und so gut wie gar keines an der Form ihrer Regierung, d.h. an der Auseinandersetzung mit der Technopolis als Ort politischer Machtausübung und mit ihren Bewohnern als Bürgern. Das ist umso bedauerlicher, als viele Technopolen, darunter auch jene von New York und Malaysia, nicht nur Prüfstände für High-Tech-Produkte sind. Sie erproben auch neue Regierungsformen und neue soziale und politische Verhaltensweisen mit brisanten Implikationen für die Bürgerschaft. Da die neuen Technopolen nicht nur – wie noch Silicon Valley – dazu da sind, Verbindungen zwischen den Produzenten herzustellen, sondern auch solche zwischen Produzenten und Konsumenten sowie zwischen diesen selbst, sind sie kulturanalytisch außerordentlich bedeutsam.

Die Forschung zeigt, daß Orte, ob man sie elektronisch oder geographisch definiert, trotz der Rede vom Tod der Entfernung eine Rolle spielen. Die Anwendung von Kommunikations- und Informationstechnologien vernichtet nicht Raum durch Zeit, sondern transformiert den Raum, und zwar sowohl den Raum der Orte als auch den der Ströme. New York und Kuala Lumpur sind Wegbereiter der Redefinition der Raumkontrolle durch deren Privatisierung und Internationalisierung auf neue und noch intensivere Weise. Es sind eindringliche Beispiel dafür, was „lokale“ Bürgerschaft in Hochtechnologiezonen einmal bedeuten könnte. Die Suche nach Alternativen zur abnehmenden Bedeutung der Bürgerschaft könnte uns sehr wohl zum „Lokalen“ führen, aber nicht zu dessen High-Tech- und Cyberversionen, sondern zu weniger fantastischen Orten wie der Emilia Romagna, wo Bürgerschaft traditioneller aufgefaßt wird, aber fraglos weit demokratischer und gehaltvoller ist.

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