Symposion 16

Künstlerischer Erpressungsversuch. Warum ein Werk Yoko Onos entführt wurde

AutorInnen
Robert Fleck

Während des Aufbaus der Gruppenausstellung „Seamus Farrell, Daniel Faust, Raymond Hains, Richard Hoeck, Yoko Ono, Sturtevant, Rosemarie Trockel“ in der Kunsthalle La Criée in Rennes, Frankreich, fehlte eines Morgens das Hauptwerk von Yoko Ono in der Ausstellung, The Museum of Modern art (1971), samt dem zur Accrochage dieses Kunstwerks angestellten jungen Künstler Yann Aussant. Anstelle der Arbeit fand sich folgender Erpresserbrief: 

Yann Aussant
Rennes, den 4. April 1996
Künstler, Leiter der „Stiftung Aussant“ Förderungsatelier der Stadt Rennes
F-35000 Rennes

An Herrn Robert Fleck
Kommissär der Gruppenausstellung „Farrell, Faust, Hains, Hoeck, Yoko Ono, Sturtevant, Trockel“ in der Kunsthalle La Criée, Rennes, 10. April (9. Juni 1996) 

Sehr geehrter Herr,
Sie kennen meine künstlerische Arbeit, in deren Rahmen ich meine eigene „Stiftung Aussant“ proklamiert habe. Ich wende mich heute als das einzige aktive Mitglied dieser Stiftung an Sie und die Museumsleitung. Ich habe heute als Ihr Assistent bei der Accrochage der oben genannten Ausstellung das Werk von Yoko Ono entwendet, das Sie mir in beiderseitigem Einvernehmen an die Wand zu montieren verfügten.

Diese Entwendung eines Kunstwerks von Yoko Ono ist Teil meiner künstlerischen Arbeit und erfolgt zu einem besonderen und guten Zweck. Sie können das Werk von Yoko Ono, „The Museum of Modern art“ (1971) wieder in Besitz nehmen und die Ausstellung wie geplant zeitgerecht eröffnen, falls die Museumsleitung eine wie Sie sehen werden, letztlich vernünftige Bedingung erfüllt. Ich verlange das Recht, in dem Museum auszustellen, und zwar in folgender Weise: über zwei Jahre hinweg darf ich in dem Museum eine Einzelausstellung meiner künstlerischen Arbeit oder jede andere Form von Ausstellung und künstlerischem Ereignis veranstalten, und zwar „zwischen“ allen bereits geplanten Ausstellungen, also in der Abbau- und Aufbauzeit der Kunsthalle. Für den Inhalt der Ausstellungen und die in ihrem Rahmen in dem Museum stattfindenden Ereignisse verlange ich die völlige Verfügungsfreiheit. Die Öffnungszeiten bei meinen Einzelausstellungen und an den anderen von mir verantworteten Ereignissen werden von 12 Uhr, 30 bis 13 Uhr 30 und von 18 Uhr 30 bis 21 Uhr 30 an allen Wochentagen sein.
Ich versichere Ihnen, daß die Entwendung eines Werks von Yoko Ono nur zu diesem guten Zweck erfolgt und sich das Kunstwerk in bestem konservatorischen Zustand befindet. Sollte das Museum La Criée meine künstlerische Arbeit einmal mehr für nicht ausstellungsreif erachten oder meine Bedingungen für die Rückgabe des Kunstwerks von Yoko Ono aus irgendeinem anderen Grund nicht akzeptieren, werden Sie und das Museum feststellen, daß es sich bei meinem Vorgehen um keine Farce handelt. Sollte mich das Kunstestablishment einmal mehr für einen Trottel nehmen, werden Sie persönlich das gebratene Hühnchen sein, obgleich diese Tat selbstverständlich Teil meines künstlerischen Werkes ist.

Ich verlange zu diesem Zweck ein Treffen am 6. April um 11 Uhr an einem von mir zu nennenden Ort, wobei es zu Ihren Aufgaben zählt, die Anwesenheit folgender Personen als Zeugen zu meinem Schutz sicherzustellen: der Direktor des Museums, der Ausstellungskommissär, eine Museumswärterin, ein Künstler, ein Galeriedirektor, der Leiter der Kunsthochschule und eine Kunsthistorikerin.

Wir sollten uns nicht mißverstehen. Es geht mir nicht um den Besitz des von mir entwendeten Kunstwerks von Yoko Ono, sondern um die Sicherstellung des legitimen Rechts, meine künstlerische Arbeit in einem Museum entfalten zu können. Ich erachte dies als eine andere Weise, dem Kunstwerk von Yoko Ono gerecht zu werden. Sobald Sie und die Museumsleitung auf meine Bedingungen eingehen, kann das Publikum wie geplant am 9. April Yoko Onos Kunstwerk auch physisch bewundern.

Hochachtungsvoll
Yann Aussant (handschriftlich und mit bekannter Adresse)

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