Symposion 16

Der Charakter des Originals. Gespräch mit Malcolm Daniel

AutorInnen
Daniel Faust

Über die Museumstauglichkeit künstlerischer Fotografie

Daniel Faust: Sie haben gerade eine große Fotoarbeit von mir angekauft. Damit stellt sich für mich als heutigem Künstler auch die Frage, in welchen Zusammenhang dieses Werk gerät. Wie sammeln Sie zeitgenössische Kunst im fotografischen Medium?

Malcolm Daniel: Das New Yorker Metropolitan Museum beging im Vorjahr seinen 125. Jahrestag. Unsere Foto-Abteilung dagegen ist gerade viereinhalb Jahre alt. Daraus ersehen Sie die Probleme, die sich durch die Fotografie, insbesondere zeitgenössische, im Rahmen großer Kunstmuseen stellen.

DF: Das Metropolitan ist, mit dem Pariser Louvre, das bedeutendste Kunstmuseum. Es beherbergt eine der wichtigsten Foto-Sammlungen der Welt, auch wenn sie nur selten ausgestellt wird.

MD: Das stimmt. Fotografie wurde bei uns bis 1992 lediglich im Rahmen des grafischen Kabinetts beachtet. Die Ausgliederung einer eigenen Abteilung für Fotografie ist museumshistorisch ein beachtenswertes Datum: Die Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Medium hat sich ja erst seit den späten siebziger Jahren unseres Jahrhunderts langsam durchgesetzt, obwohl die Geschichte der Fotografie in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Der Umstand, daß die Fotografie in der zeitgenössischen Kunst heute eine zentrale Rolle spielt, ist für uns ein starker Rückhalt.

DF: Hat sich durch die Anerkennung der Fotografie als einer selbständigen Kunstrichtung im Metropolitan etwas geändert?

MD: Das Metropolitan Museum der Stadt New York ist das einzige Kunstmuseum enzyklopädischer Breite, das mit dem Louvre mithalten kann. Es wurde 1870 gegründet, als man finanziell noch ein konkurrierendes Museum zum Louvre aufbauen konnte. Unsere Schausammlung reicht von der ägyptischen Antike über das europäische Mittelalter bis zu den verschiedenen Strömungen der Moderne, insbesondere in der angewandten Kunst. Anders als der Louvre, dessen Sammlungen um 1830 enden, beschäftigen wir uns auch intensiv mit zeitgenössischer Kunst. Deshalb sind die Raumverhältnisse trotz des großen Hauses beschränkt: Die Foto-Abteilung verfügt über eine einzige Wechselausstellung pro Jahr in einem grafischen Kabinett. Durch die Finanzstruktur amerikanischer Museen sind wir zudem gezwungen, die jährliche Ausstellung zu hundert Prozent fremdzufinanzieren mit privaten Geldgebern und Mäzenen.

DF: Was bewog die Trustees des Metropolitan, dennoch der Fotografie eine eigene Abteilung zu geben?

MD: Spezifisch an dem Metropolitan ist seit 1870 die frühe Beachtung der Fotografie, die in Europa bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts keine museale Beachtung erfuhr. Beispiele früher Fotografie finden sich sogar im Gründungsbestand von 1870 – Reproduktionen bedeutender Gemälde und Skulpturen neben Dokumentationsfotos von Orient-Reisen. In der Folge spendeten amerikanische Amateur- und Berufsfotografen Abzüge und Originalplatten in solcher Menge an das Metropolitan, daß schon 1916 bei der Einrichtung eines grafischen Kabinetts zwei Kuratoren für Fotografie angestellt wurden. Das war damals eine Weltpremiere.

DF: Die Vielfalt der Fotoszene im New York der Jahrhundertwende ist heute legendär.

MD: Das Met stand als einziges Haus für hochwertige alte und neue Kunst im damaligen New York unter dem Druck einer bereits vor dem Ersten Weltkrieg gut organisierten Fotografenszene. Alfred Stieglitz, der Vordenker der Photo-Secession und erste Fotogalerist, schlug schon 1902 die erste Stiftung großen Ausmaßes vor. 1928 akzeptierte der Aufsichtsrat dann 22 Originalabzüge seiner Fotos, und 1933 kamen auf diesem Weg fünfhundert Bilder aller Fotografen in die Sammlung, die Stieglitz in seinen Galerien und in der Zeitschrift Camera Work gezeigt hatte. Das ist der größte Museumsbestand an früher künstlerischer Fotografie überhaupt. Stieglitz war überzeugt, daß die Fotografie im 20. Jahrhunderts zu einem zentralen künstlerischen Ausdrucksmittel werden würde – wie früher die Malerei.

DF: Nach welchen Gesichtspunkten sammelt das Metropolitan heute Kunst im Medium Fotografie?

MD: Der erste bezahlte Ankauf für die Fotosammlung wurde 1936 getätigt, drei Jahre nach der großen Stieglitz-Stiftung. Es handelt sich um ein Album mit Fotos von William Fox Talbot aus dem Geburtsjahr der Fotografie 1839. Sie zählen zu den allerersten fotografischen Dokumenten, sind aber so vergänglich, daß wir sie bis heute nicht ausstellen konnten. Auch das ist Aufgabe eines Museums: Man muß auf eine Ausstellung selbst sensationeller Werke verzichten, wenn noch kein Mittel zur Erhöhung der Lichtbeständigkeit gefunden wurde.

DF: Im Bereich der Fotografie hat sich zugleich mit der Anerkennung im Museumsrahmen ein stark rückwärtsgewandter Gesichtspunkt durchgesetzt. Als sei die Fotogeschichte wichtiger als die gegenwärtige Praxis der Fotografie, und das bei einem betont zeitgenössischen Medium wie der Fotografie.

MD: Dafür gibt es Zwänge. Ich habe zum Beispiel im September 1994 die erste Retrospektive von Edouard Baldus veranstaltet, einem bis dahin weitgehend vergessenen Foto-Pionier aus Frankreich, dessen Namen selbst die französischen Kollegen kaum kannten. Die Ausstellung, die seither durch die Welt wandert, brachte bei uns 89.000 Besucher, bei 4,9 Millionen Besuchern des Museums im selben Jahr. Das ist wenig, trotz des populären Charakters der Fotografie.

DF: Das wäre in Europa bereits eine zufriedenstellende Besucherzahl für eine kleine Picasso-Retrospektive.

MD: Allein eine Ausstellung zeitgenössischer künstlerischer Arbeit im Medium Fotografie findet noch weniger Interesse. Das heißt nicht, daß man das nicht machen soll. Auch hat die Gegenwartsfotografie einen Vorteil: Wir suchen systematisch den Originalabzug, eine noch vom Fotografen selbst gemachte Vergrößerung, da nur sie als authentisch gelten kann. Für die Baldus-Ausstellung haben wir über Jahre jeweils den besten Originalabzug in den internationalen Versteigerungen gekauft. Wenn Sie mit zeitgenössischen Künstlern zu tun haben, die mit Fotografie arbeiten, ist das viel leichter: Wir erwerben die Werke direkt vom Künstler, womit der Charakter des „Originals“ gar nicht in Frage gestellt ist.


Daniel Faust, geb. 1956 in New Rochelle, USA, lebt in New York. Foto-Künstler seit 1975, als ihm sein Vater eine kaum gebrauchte, mechanische Nikon-F2-Kamera schenkte. Kehrte nach einem Filmstudium in Chikago wieder zur Fotografie zurück und arbeitete in der Folge für Andy Warhols Zeitschrift Interview. Einer der Väter der politisierten Kunst der neunziger Jahre, mit anderen Künstlern der New Yorker Galerie Amerikan Fine Arts. Teilnehmer der documenta 8 in Kassel 1987 in der Künstlergruppe Group Material. Einzelausstellungen 1995 in Leipzig und Gent.

Malcolm Daniel, geb. 1961, lebt in New York. Seit 1992 Kurator an der Fotografie-Abteilung des Metropolitan Museum in New York. Organisierte die Wanderausstellung „Baldus“ und veranstaltet mehrere Ausstellungen zeitgenössischer künstlerischer Fotografie pro Jahr.

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