Symposion 03

The Madonna Deconnection

AutorInnen
Jean Baudrillard

In Sachen Madonna ist sich dem Anschein nach jedermann einig. Was sie uns vorführt, ist eine Übertreibung von Zeichen, ein permanentes Auf-die-Spitze-Treiben sexueller Symbole. Sex ist in diesem Universum nur als „hypersexuell“ vorstellbar, wobei zugleich daran gearbeitet wird, DIE sexuelle Differenz, die Geschlechtertrennung ins Wanken zu bringen, wohlwissend, daß es sich dabei um einen kategorischen Imperativ der modernen Gesellschaft und Ästhetik handelte.

Ist das „Postmoderne“? Ich habe mit diesem Wort Probleme, ebenso wie mit anderen Begriffen, die in der gegenwärtigen amerikanischen Kunstdiskussion umherschwirren und für die Madonna als Paradebeispiel steht: die Debatte um „gender“ (Geschlecht) und Macht. Dabei ist das Phänomen „Madonna“ recht evident: eine offensive, aggressive Haltung, die Sex und Geschlechterbestimmung unter das Zeichen der Simulation stellt und in ein Theater des Scheins eintreten läßt, in dem sich aus der Ausschweifung heraus eine Umkehrung der Werte ergibt. Diese offensive Strategie einer Kreuzung der Geschlechter bis zur völligen Verwischung ihrer Unterschiede ist vielleicht „postmodern“.

Doch stellt sich eine andere Frage: Welchen Preis zahlt sie für die neue Sex- und Geschlechtssimulation, und welchen Preis zahlen wir dafür? Anders gesagt: Hat Madonna einen Körper? Die hyper-sexuellen Botschaften, die sie ausstrahlt, können dieses Stadium der Übertreibung nur erreichen, da sie sich an niemanden mehr wenden, nicht mehr einen Anderen zu verführen suchen und in einer Selbstbezüglichkeit stattfinden, die letztlich unheimlich und beängstigend wirkt. In dem persönlichen Universum, das Madonna aufbaut, existiert keiner Anderer mehr, kein Anderssein, und sie ist in gewisser Weise in diesem Universum ganz allein. Sie wirkt als Gefangene der „überhitzten“ Zeichen der neuen Sexualität, ebenso wie ihr Körper und sogar die sexuellen Botschaften. Es geht gar nicht mehr um Verführung, wie bei den früheren Frauenstars. Sondern sie zeigt uns eine Welt ohne mögliche Antwort eines sexuellen Gegenüber.

Deshalb kann sie auch nach und nach alle Möglichkeiten der Geschlechter und der Sexualität verkörpern. Hat sie eine Identität? Ich neige zur Verneinung. Doch sie hat daraus eine Waffe gemacht, die die „postmoderne“ Welt charakterisiert: Die beiden Möglichkeiten des autistisch-selbstbezöglichen Ich und des Aufgehens im Spiel der unendlichen Simulationen sind heute ständig präsent.

Wenn Madonna alle möglichen sexuellen Identitäten nach und nach oder auch gleichzeitig verkörpert, so verliert das sexuelle Sein jede Fremdheit, jeden Reiz des Anderen. So stellt sich die Frage nach ihrer Nacktheit. Madonna führt eine verzweifelte Suche nach der Nacktheit vor Augen, wie jemand, der die Nacktheit erreichen will, es aber nicht vermag. Madonna ist niemals nackt, immer nur verkleidet. Mit all den Gesten und tänzerischen Bewegungen ihres Körpers schafft sie niemals eine Illusion, ohne die es aber keinen nackten Körper gibt. Nacktheit impliziert ein Repertoire der Verführung, ein Zeremoniell. Wogegen die sadismusähnlichen Gesten, Bewegungen und Zeichen bei ihr wie ein Käfig wirken, der den Körper mit einschließt.

Denn in dieser neuen erotischen Welt fehlt jedes illusionistische Element. Alles scheint hoffnungslos verschlossen, auch wenn sie innerhalb dessen alle denkbaren Varianten von Sex und Geschlechterbestimmung vor Augen führt. Der Körper ist gegenwärtig, sogar „überbelichtet“, aber nur als Teil des technischen Instrumentariums. Es ist, als ob sie ständig gegen sich selbst sexuelle Belästigung betreibe, ohne daß in einem noch so winzigen Augenblick etwas aufblitzen würde, was dem Sex den Charme der Verführung verleiht.

Natürlich wird hier nicht zum ersten Mal die Geschlechterdifferenz in Frage gestellt und außer Kraft gesetzt. Cicciolina hatte in dieser Hinsicht auch ganze Arbeit geleistet, indem sie Pornographie und Politik vermengte – eine humorvolle Weise, Grenzen einzureissen, die mir persönlich gefiel. Und hat nicht Marilyn Monroe, die das genaue Gegenteil von Madonna darstellte, die Männermacht ebenso schwer ins Wanken gebracht, doch durch die Weiblichkeit in ihrem höchsten Glanz und eine extreme Verführungskraft?

Die offensive Nichtverführung von Madonna führt in letzter Instanz dazu, daß der Körper nicht mehr existiert. Das ist heute ein allgemeines Problem. Die Frauen streben heute danach, sich aus sich selbst zu Produzieren und sich nicht nicht mehr in Funktion eines männlichen Blicks zu sehen. Sich in einem geschlossenen Kreislauf eine Identität zu schaffen ist ein wenig das Schicksal der Frau, selbst wenn es ihr gelingt, sich durch eine Art künstlicher Befruchtung alleine zu definieren. Das Problem ist dann: „Wo ist der Andere?“ Denn er verschwindet aus dem Horizont.

Madonna ist die Anti-Jungfrau, die mit den überbordenden Zeichen ihrer Erotik die Frigidität und sexuelle Gleichgültigkeit unserer Epoche exemplarisch zum Ausdruck bringt. Sie verwaltet die Abfälle, die Fragmente des Unterschieds der Geschlechter, der in einer raschen Auflösung begriffen ist. Wenn alle geschlechtlichen und sexuellen Prototypen einer nach dem anderen vorgeführt werden, bestehen sie zwar nebeneinander, verlieren aber ihre Intensität, selbst der Transvestit. Madonna stellt die Frage: „Was machen wir mit den Resten der Geschlechterdifferenz, die bereits verschwunden ist?“ Sie betreibt eine heroische Trauerarbeit in dieser Hinsicht, und hätte auch eine gute Jeanne d'Arc im Film abgegeben. Ihre Logik des Extrems gegenüber der Austauschbarkeit der geschlechtlichen und sexuellen Zeichen ist an sich eine interessante künstlerische Aussage wohl kein Zukunftsmodell, aber ein monströser Ausdruck der Unmöglichkeit, heute mit dem Verhältnis der Geschlechter fertigzuwerden.

Der Mann hatte in der Zeit seiner Vorrangstellung das Weibliche definiert als Ideal, Unheil, Verführung usw. Das ist vorbei, und in gewisser Weise ist auch der Mann schon verschwunden. Gelingt es der Frau, in ihrer „Eigenproduktion“ als autonomes Individuum auch noch einen Anderen zu produzieren? Was ich in der allgemeinen Kreuzung, diesem Riesencocktail aller sexuellen und geschlechtlichen Formen bei Madonna vermisse, ist die Fremdheit, die Veränderbarkeit und die Verführung, in der der Eine für den Anderen der Andere bleibt. Wenn das Ergebnis dieser radikalen Autonomie, die heute jeder anstrebt, ein Identitätsverlust ist, nach dem man endlich man selbst ist, aber nicht mehr weiß, was man ist, dann scheint mir der Preis, den wir dafürzahlen, sehr hoch.

(Übersetzt, gekürzt von Robert Fleck.)


Jean Baudrillard, geboren 1929 in Paris, trat seit 1968 als Soziologe und Analytiker der Konsumgesellschaft hervor. Ab 1977 („Der Beaubourg-Effekt“) erweiterte er dies zu einer ästhetischen Theorie des postmodernen Zeitalters. Lebt in Paris. Soeben erschien „Le crime parfait“, Editions Gallilée, Paris. Der Text über Madonna stammt aus dem im Dezember veröffentlichten Sammelband „Madonna – Érotisme et pouvoir“, hg. von Michel Dion, Editions Kime, Paris.

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