TransAct

Zur künstlerischen Praxis eines erweiterten Museumsbegriffs

AutorInnen
Roman Berka

Am 4. Februar 2000 wurde Österreich von einem Politbeben erschüttert. Der neue Bundeskanzler und Obmann der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), Wolfgang Schüssel, hatte eine Koalitionsregierung mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) von Jörg Haider gebildet. Aus Protest gegen den Tabubruch der erstmaligen Regierungsbeteiligung einer extrem rechten, rassistischen Partei in Europa traten die „Maßnahmen“ der EU-14 in Kraft, die die ÖVP/FPÖ-Regierung auf bilateraler Ebene politisch isolierten. Zudem stand ein kultureller Boykott im Raum. In Österreich ging die Zivilgesellschaft auf die Straße und formulierte ihren Protest in Demonstrationen. In dieser kritischen politischen Situation starteten museum in progress und Kuratorin Cathrin Pichler eine internationale künstlerische Initiative.

museum in progress, gegründet von Kathrin Messner und Josef Ortner, ist ein unabhängiger, privater Kunstverein, der seit 1990 neue Ausstellungsräume in verschiedenen Medien und im öffentlichen Raum definiert. Tageszeitungen, Magazine, Plakate, das Fernsehen, Infoscreens, Gebäudefassaden oder der Eiserne Vorhang in der Wiener Staatsoper werden temporär mit medien- und ortsspezifischer zeitgenössischer Kunst bespielt. Außerhalb der Mauern des traditionellen White Cube agiert museum in progress in einem weiten gesellschaftlichen Feld und fühlt sich dabei einem avantgardistischen Kunstbegriff verpflichtet, der andere soziale Systeme jenseits des Kunstsystems in seine Praxis miteinbezieht. museum in progress knüpft so an Kunstkonzepte der 60er und 70er Jahre an, entwickelt sie zeitgemäß weiter und errichtet gleichsam ein immaterielles „Museum des 21. Jahrhunderts“, das im medialen und öffentlichen Raum wächst wie eine soziale Skulptur. Philosophie, Wissenschaft, Politik und andere Bereiche des sozialen Lebens spiegeln sich in den eigens entwickelten Beiträgen wider, die einen gesellschaftsrelevanten Diskurs auf Basis eines erweiterten Kunstbegriffs eröffnen.

Gemäß dieser Praxis formulierte museum in progress mit der Initiative TransAct – Transnational Activities in the Cultural Field einen Protest gegen die Regierungsbeteiligung einer offen fremdenfeindlichen Partei und gleichzeitig ein Statement gegen kulturelle Isolation. Internationale KünstlerInnen, Intellektuelle und WissenschaftlerInnen wurden um Stellungnahmen in künstlerischer und schriftlicher Form gebeten, die als Ausstellungsserie in der österreichischen Tageszeitung Der Standard publiziert wurden. Es erschienen malerische, fotografische und konzeptionelle Arbeiten ebenso wie philosophische, soziologische und literarische Essays, offene Briefe oder kurze politische Statements von über 100 Teilnehmenden, vom doppelseitigen Großformat bis zu mehrteiligen Kleininserts. Mit rund 70 Interventionen zur Lage in Österreich im Zeitraum eines Jahres war TransAct die bis dato umfangreichste Medienserie von museum in progress.

TransAct fand international große Beachtung und Anerkennung (so wurde die Reihe im Dezember 2000 in der Manchester Metropolitan University und im Juni 2001 anlässlich einer Konferenz im Louvre in Paris präsentiert). In Österreich selbst erwuchsen museum in progress existenzbedrohende Konsequenzen. Der Kunstverein finanzierte sich und seine vielfältigen Kunstprojekte zu diesem Zeitpunkt über artpool, eine „Initiative für aktuelle Kunst“, in der sich zehn Unternehmen zusammengefunden und dazu verpflichtet hatten, die „unabhängige Entwicklung zeitgenössischer künstlerischer Tendenzen“ und einen „öffentlichen Dialog von Kunst, Wirtschaft und Medien“ zu fördern. Angesichts einer unabhängigen Kunstinitiative, die kritisch auf die gesellschaftlichen Realitäten reagierte und Zivilcourage zeigte, war es mit dem Bekenntnis zur Freiheit der Kunst allerdings schnell vorbei. Eine klare Positionierung gegen xenophobe Tendenzen einer nunmehrigen Regierungspartei war unter den geänderten politischen Vorzeichen nicht opportun. Nach dem Start von TransAct verließen innerhalb weniger Wochen und Monate insgesamt sechs von zehn Unternehmen artpool. Der Vorwurf lautete, dass dies „keine Kunst“ wäre, sondern „politische Agitation“. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass museum in progress konsequent seinem erweiterten Museumsbegriff treu blieb: auch und ganz besonders TransAct war künstlerische Praxis an der Schnittstelle von Kunst und Leben. Im Lichte der brisanten politischen Situation zeigte TransAct jedoch deutlicher als andere Projekte von museum in progress das gesellschaftspolitische Potenzial von Kunst im öffentlichen Kontext. 

Der Zerfall von artpool war die bittere Konsequenz einer Entwicklung, die schon früher begonnen hatte. Im Laufe der 90er Jahre war es für unabhängige Kulturinitiativen zunehmend schwieriger geworden, öffentliche Gelder zu lukrieren. Dies war nicht zuletzt Resultat einer Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und Angst der Regierenden vor der aufstrebenden rechtspopulistischen Opposition, die in öffentlichen Kampagnen hemmungslos gegen kritische Kulturschaffende und die „Verschwendung von Steuergeldern“ mobilisierte. 1997 erklärte Bundeskanzler Viktor Klima von der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) Kunst zur „Chefsache“, löste die Kunstagenden aus dem Wissenschaftsministerium heraus und unterstellte sie direkt dem Bundeskanzleramt. Dass es kein Kunstministerium mehr gab, war mehr als ein Symbol. Auf den schleichenden Rückzug der öffentlichen Hand reagierte museum in progress 1998 mit der Gründung von artpool. Josef Ortner schaffte es mit seinem Innovationsgeist, führende Unternehmen von der Sinnhaftigkeit der Investition in spannende, zeitgemäße Kunstprojekte zu überzeugen. Mit dem Einzug des rechten Ressentiments in die Bundesregierung 2000 war der politische Druck jedoch so groß geworden, dass auch dieses privatwirtschaftliche Engagement nicht mehr möglich war. 

Heute, zehn Jahre danach, stehen wir vor einer ähnlichen, ja teils zugespitzen Situation. Rechtspopulistische Positionen sind längst salonfähig geworden, auch europaweit. In Österreich regiert nach dem Ende der Schüsselschen „Wende“ wieder eine Große Koalition aus SPÖ und ÖVP. Auch ohne ihre prägende Führungsfigur Jörg Haider hat die extreme Rechte wieder Aufwind und treibt wie in den 80er und 90er Jahren die Regierung vor sich her. Die Lage für Kulturschaffende ist, verschärft durch die weltweite Finanzkrise, prekärer denn je. Nein, zehn Jahre danach gibt es keinen Grund zum Feiern, es ist auch nicht Sinn und Zweck dieser Publikation, ein Jubiläum zu begehen. Vielmehr gilt es, aus der historischen Distanz einen kritischen Blick zurückzuwerfen und eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Viele der im Rahmen von TransAct veröffentlichten künstlerischen Arbeiten und theoretischen Texte sind heute so aktuell wie damals. 
Der vorliegende Band versammelt alle TransAct-Beiträge, die in Faksimile abgebildet sind. Die Texte sind in der jeweiligen Originalsprache publiziert, alle nicht-englischen sind zudem ins Englische übersetzt. Zu danken ist allen, die diese Serie mitgestaltet haben, sowie dem Standard, der sie durch sein Bekenntnis zur Idee des museum in progress und den intelligenten Einsatz seiner Ressourcen ermöglicht hat. Besonderer Dank gilt Kuratorin Cathrin Pichler, die ein hochkarätiges Netzwerk gesponnen hat, sowie Christian Reder, der die Publikation dieser historischen Dokumentation in seiner Reihe „Edition Transfer“ realisiert hat.

Der Inhalt dieses Vorworts war Gegenstand des letzten Gesprächs des Verfassers mit Josef Ortner, der im März 2009 völlig unerwartet und viel zu früh verstorben ist. Der Konzeptkünstler, „Künstlerunternehmer“ und Gründer des museum in progress war ein kritischer Kopf und Querdenker, ein vor Ideen sprudelnder, sozialer Geist, der Neues in die Welt setzte, das die Gesellschaft bereicherte. Er bleibt unvergessen, ihm ist dieses Buch gewidmet.

(September 2009)

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