TransAct 40

TransAct Statement

AutorInnen
Richard Gordon

Eine schmerzliche Woche in Wien

Ende April 2000 verbrachte ich eine Woche in Wien als Gast des Österreichischen Instituts für Nicht-Lineare Studien, einer Gruppe, die aus drei tadellosen Wissenschaftlern besteht, die die Grundlagen der Physik und der Evolution erforschen. Ich war der Festredner anlässlich ihres 10. Geburtstages, im Rahmen einer internationalen Konferenz für Kybernetik (European Meetings on Cybernetics and Systems Research). Fast wäre ich nicht gekommen. Die Wende in Österreich in Richtung Faschismus hatte mich ziemlich außer Fassung gebracht.

Ich bot meinen Gastgebern an abzusagen, als Zeichen des Protests. Aber sie demonstrierten und protestierten bereits selbst, und wir kamen übereinstimmend zu der Überzeugung, dass es besser wäre, wenn ich nach Österreich käme. Robert Trappl, der Leiter der Konferenz, und der Dekan der Wiener Universität eröffneten die Sitzungen mit sehr überzeugenden, mitreißenden Aufrufen zur Toleranz. Ein guter Beginn für eine Woche, in der ich versuchte herauszufinden, was vor sich ging. Dieser kurze Besuch macht aus mir keinen Experten. Aber etwas Feedback können diejenigen brauchen, die Tag für Tag in dieser Situation leben und vielleicht Einfluss nehmen wollen auf den Weg, den Österreich geht.

Ich komme aus Kanada, einem Land, das zu 100% von Einwanderern bewohnt wird. Sogar die Vorfahren unserer Urbevölkerung wanderten vor rd. 50 000 Jahren über die Bering-Straße ein. Die neuen Einwanderer in Österreich betreffend, habe ich die Beobachtung gemacht, dass es einen wirtschaftlichen Bedarf gibt, sie werden Bürger und sie heiraten untereinander. Ähnlich wie in Kanada wird das gegen sie bestehende Vorurteil verschwinden, und später werden manche ihrer Nachkommen dieselben Vorurteile gegen eine neue Welle von Einwanderern hegen.

Die Juden, denen ich begegnete, konnten mit keiner der politischen Parteien in Österreich etwas anfangen: ihnen war ihr Vermögen während des 2. Weltkriegs gestohlen worden, und man hatte es ihnen nicht zurückgegeben. Sie fühlen sich nicht sonderlich gefährdet, obwohl die Maschinenpistolen vor der Stadttempel-Synagoge während einer Bar Mitzvah-Feier mich daran zweifeln ließen. Die Gedenktafeln an der Wand im Innern der Synagoge waren besonders ergreifend. Während es bei uns in Kanada in jeder Synagoge Gedenktafeln gibt, die an die Opfer der Konzentrationslager kollektiv erinnern, erinnert in Wien jede Tafel an einen einzelnen oder an eine Familie, die von den Nazis umgebracht wurden oder verschwunden sind. Wie es ein Kollege formulierte: „Wir erleben den Holocaust jeden Tag.“ Beim Beten in dieser Synagoge erfährt man den Holocaust als etwas, was einen sehr persönlich betrifft. Die Qualen derer, die starben, und derer, die überlebten und sich erinnerten, schreien von dieser Wand.

Ich wollte wissen, warum gerade diese Synagoge die Kristallnacht und den 2. Weltkrieg überstanden hat. Ich erhielt folgende Antworten: 1. um nicht aufzufallen, hatte das Gebäude von außen wie ein Wohnhaus aussehen müssen, so hatte es die prä-nazistische österreichische Regierung von den Juden verlangt (Assimilierung qua Unsichtbarkeit); 2. wenn die Nazis diese Synagoge in Brand gesteckt hätten, wäre möglicherweise ein großer Teil der Innenstadt gefährdet worden; 3. wenn sie zerstört worden wäre, wären Aufzeichnungen über die meisten Wiener Juden vernichtet worden, und es wäre schwieriger gewesen, sie zu identifizieren und zu ermorden. Das Fortbestehen dieser prachtvollen Synagoge hat einen bitter-süßen Beigeschmack. Für die Juden in Österreich wäre es besser gewesen, der Stadt-Tempel wäre niedergebrannt.

Für Besichtigungen blieb wenig Zeit. Ich besuchte das wundervolle Naturhistorische Museum, das mich an das Field Museum in Chicago erinnerte, in dem ich groß geworden bin. Der Direktor des Museums hatte eine Vitrine mit Kopien von Bildtafeln aus Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“, Leipzig 1904: Verlag des Bibliographischen Instituts, eingerichtet. Die jungen Mitarbeiterinnen, die mich durch die Abteilung der Insekten führten, erzählten von seinem besonderen Interesse für Haeckel, welches ich teile.

Später auf der Straße stieß ich auf eine Abenddemonstration der Sozialistischen Jugend Österreichs, einer Jugendorganisation der nicht mehr an der Regierung beteiligten Sozialdemokratischen Partei. Ich schloss mich an, alles verlief harmlos, alle, auch die Polizei, wohlerzogen, in einer endlosen Prozession von Kerzen. Die Kollegen, mit denen ich sprach, verwiesen vor allem darauf, dass keine Diskussion über die Gründe für die Niederlage der Partei stattfand. Der jüdische Standpunkt scheint hier außer Betracht. Diese Partei muss von innen her aufgerüttelt werden, sie braucht neue Politiker, nicht das Schweigen im Namen der „Solidarität“. Zum Unglück scheint Jörg Haider (FPÖ) der einzige zu sein, der das erkannt und für seine eigenen Zwecke ausgenutzt hat.

Ich mag euer Wien und habe ein Gespür dafür bekommen, warum seine Geschichte so reich an Beiträgen zur Wissenschaft und zur Kultur dieser Welt ist. Es ist eine sichere und saubere Stadt, Armut ist öffentlich kaum sichtbar, jedenfalls schien es mir so auf meinen nicht sehr weit führenden Spaziergängen. Und es sprudelt vor Leben. Von einigen unbeugsamen Bürokraten abgesehen, waren die Leute freundlich, der Aufenthalt war angenehm. Kein offenkundiger Faschismus, nur Nachrichten von verschärftem Druck an der Universität, in der Presse, gegen die Einwanderer und gegen die Juden. Die ganze Welt staunt, warum ein reiches Land so handelt. Die treffende Antwort ist: Weil es sich weigert, sich seiner Geschichte zu stellen. Die mag vielleicht ein „alter Hut“ sein. Aber diejenigen, die noch faschistische Ansichten haben, kennen diese Geschichte und wollen vielleicht einen Teil davon wiederholen. Ihre Überzeugung, die österreichische Kultur könnte in irgendeiner Weise bedroht sein, erscheint einem Außenstehenden lächerlich, der eine stabile Kultur wahrnimmt, die, gemessen an ihrer Größe überproportional, weiterhin bedeutende Beiträge zur Kultur in dieser Welt leistet.

Das eigentliche Problem liegt möglicherweise bei den Nicht-Faschisten, die auf die Untätigkeit der „gemäßigten“ politischen Parteien nicht vorbereitet waren. Weder die ÖVP noch die SPÖ haben die österreichischen Juden zurückgeholt, und wahrscheinlich haben beide Parteien die Atmosphäre geschaffen, in der neue Einwanderer nicht willkommen sind. Wenn ich nach meinem kurzen Besuch überhaupt einen Rat geben kann, dann denjenigen, dass die liberalen Kräfte in Österreich damit beginnen sollten, vor der eigenen Tür zu kehren. Was sie dabei lernen, wird ihnen dabei helfen, ihr Ziel, das faschistische Denken in Österreich zum Verschwinden zu bringen, zu erreichen. Es kann lange dauern, leicht eine Generation oder zwei. Aber es passiert hier auch so viel Positives, dass ich ganz hoffnungsvoll bin, dass es gelingt.

Ich bin in den USA aufgewachsen. Trotz meiner liberalen Eltern hatte ich das gegen Schwarze herrschende Vorurteil übernommen. Ich konnte erst anfangen, mich zu ändern, als ich mich der Tatsache stellte, dass auch ich dieses Vorurteil verinnerlicht hatte und nicht so liberal dachte, wie es meiner Erziehung entsprochen hätte. Vorurteile sind irrationale Ängste, aber sie lassen sich überwinden, wenn man sich darin übt, das Gegenteil von dem zu tun, was die Angst einem suggeriert. Wenn ich eine Vermutung wagen darf, es könnte sein, dass auch die wohlmeinenden österreichischen Liberalen das Problem haben, das ich hatte. Pogo, die Cartoon-Figur, drückte es einmal so aus: „Wir sind dem Feind begegnet, und der Feind sind wir.“

Richard Gordon
Department of Radiology
University of Manitoba, Winnipeg

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