TransAct 30

Ich sage immer die Wahrheit.

AutorInnen
August Ruhs

„Ich sage immer die Wahrheit: nicht die ganze, denn die ganze zu sagen, erreicht man nicht. Sie ganz zu sagen, das ist unmöglich, materiell: da fehlen die Worte. Gerade durch dieses Unmöglich hängt die Wahrheit am Realen“.

Das Reale, das ist das Unmögliche, weil man es nicht sagen kann. Somit ist nur das Reale nicht wahr, weil nur das Sagbare wahr sein kann.

Von Herrn H. zum Beispiel sagt man, dass er ein Lügner ist. Das ist wahr. Herr H. selbst denkt auch, dass er ein Lügner ist, weil er immer die Wahrheit sagt. Herr H. pflegt diese Haltung. Denn Herr H. möchte ein Schurke sein, und ein Schurke möchte er sein, weil er nicht nur ein Sportler, sondern auch ein Intellektueller sein möchte. Herr H. weiß, dass es Links- und Rechtsintellektuelle gibt. Er hat auch gehört, dass die Linksintellektuellen Hofnarren und die Rechtsintellektuellen Schurken sind. Herr H. möchte kein Hofnarr sein, weil er sich den Schurken näher fühlt und weil er nicht ausgegrinst werden möchte. Deshalb ist Herr H. ein Schurke und ein Lügner, der immer die Wahrheit sagt.

Von Herrn S. zum Beispiel sagt man auch, dass er ein Lügner ist. Das ist wahr. Herr S. denkt aber nicht, dass er ein Lügner ist. Herr S. wehrt sich gegen diese Auffassung. Denn Herr S. möchte, im Gegensatz zu Herrn H., kein Schurke sein, weil er auch kein Intellektueller sein möchte. Herr S. möchte in erster Linie ein Fröhlicher sein. Ein fröhlicher Sportler und ein fröhlicher Musikant. Aber das glaubt man Herrn S. nicht und sagt, dass das seine Masche ist. Das ist nicht wahr, sagt Herr S. fröhlich.

Sowohl Herr H. als auch Herr S. sagen immer die Wahrheit. Nicht die ganze, denn die ganze zu sagen, erreicht man nicht. Sie ganz zu sagen, das ist unmöglich, materiell: da fehlen die Worte. Gerade durch dieses Unmöglich hängt die Wahrheit am Realen. Dort, im Realen, gibt es kein Sagen und damit auch keine Wahrheit und an seinen Rändern ist allenfalls ein Schweigen vernehmbar. Dieser Rest hat keinen Ausdruck, dieses Andere hat keinen Anderen, der es repräsentieren könnte, so dass es auch keine Metasprache gibt. Wenn es sie gäbe, wo kämen wir da hin?

Herr H., der ein Intellektueller sein möchte, hat das nicht verstanden. Herr H. glaubt, dass es möglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Denn Herr H. glaubt an das Ganze und glaubt auch, dass er ganz ist. Deshalb will er immer auch alles haben. Herr H. ist alle, die so ganz sind wie er und die ganz so sind wie er. Herr H. möchte, dass alle diese immer die ganze Wahrheit sagen und als diese alle und für diese alle muss er immer die ganze Wahrheit sagen. Diese alle sind die kleinen anderen, die er liebt. Die großen Anderen, die ganz anders sind, liebt er nicht. Die kleinen anderen, die Herr H. liebt, sind aber nicht alle ganz gleich. Deshalb muss sich Herr H. so oft umziehen. Dann sagt Herr H. in jeder Kleidung der kleinen anderen die Wahrheit, und weil die Kleider immer ein wenig anders sind, sind auch die Wahrheiten immer ein wenig anders. Aber Herr H. ist in jeder Form Herr H., denn Herr H. glaubt auch, dass er Herr H. ist. Deshalb ist Herr H. auch nicht gespalten in Herrn H. der Aussage und in Herrn H. der Äußerung. Schon aus diesem Grund sagt er immer die Wahrheit, da er nicht täuschen kann. Über die Wahrheit der Täuschung verfügt damit Herr H. nicht, weil er die Rede des ganz Anderen verwirft. Herr H. kann sich deshalb nicht versprechen, was ihn allerdings nicht daran hindert, stets zu versprechen.

Herr S., der kein Intellektueller sein möchte, sondern nur ein Fröhlicher, glaubt schon, dass es unmöglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Herr S. glaubt daher auch nicht an das Ganze und glaubt auch nicht, alle zu sein. In diesem Sinn ist Herr S. bescheidener. Deshalb zieht sich Herr S. nur selten um. Deshalb fühlt sich aber auch Herr S. kleiner als Herr H., glaubt aber, fröhlicher zu sein als Herr H.. Herr S. glaubt überhaupt, dass Herr H. nur so tut, als wäre er fröhlich. Herr S. meint daher, dass Herrn H. etwas fehlt. Herr S. hat, was Herrn H. fehlt, denn er ist wirklich fröhlich. In dieser Hinsicht ist Herr S. das Symptom von Herrn H.. Herr S. glaubt auch nicht, dass er Herr S. auch ist. Herr S. weiß, dass er Herr S. nur heißt, weshalb er gespalten ist in Herrn S. der Aussage und in Herrn S. der Äußerung. Somit kann Herr S. täuschen und sagt die Wahrheit auch in der Form: Ich täusche dich.

Man darf sich aber nicht täuschen und glauben, dass dies eine Über-Wahrheit ist. Es ist nur eine andere, eine zweite Wahrheit, kommend aus der Rede des Anderen. Denn: „Wer mit den Lippen schweigt, schwatzt mit den Fingerspitzen. Verrat dringt aus allen Poren“.

Nur in diesem Sinn ist die Stille der Lärm der Wahrheit.

August Ruhs (unter Mitwirkung von S. Freud und J. Lacan),
Psychiater und Psychoanalytiker,


Wien, Mai 2K

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