TransAct 30

Ich lüge.

AutorInnen
Martin Prinzhorn

Schon das antike Paradox des Lügners hat das Konzept von Wahrheit und sprachlicher Bedeutung gehörig ins Schwanken gebracht. Wenn wir annehmen, dass der Satz „ich lüge“ wahr ist, dann muss er wegen seiner Aussage falsch sein und wenn wir annehmen, dass der Satz falsch ist, dann ist die Aussage des Satzes nicht wahr, es ist also nicht wahr, dass er falsch ist, mit anderen Worten ist er dann wahr. Widersprüche über Widersprüche, aus denen auch die Konstruktion von verschiedenen Ebenen der Bedeutung nicht wirklich hinausführen. Wenn wir die sprachliche Bedeutung nicht einfach mit Hilfe des Gegensatzes von wahr und falsch erfassen können, müssen wir Sprache als soziale Handlung verstehen, die sich nicht unbedingt mit entweder-oder Entscheidungen fassen lässt, sondern vielmehr mit verschiedenen Normen, Anleitungen und Prinzipien, die sich untereinander auch widersprechen können oder verletzt werden können. Das ist es, was man allgemein die pragmatische Bedeutung oder Sprecherbedeutung nennt. Sprache wird dann in einem performativen Zusammenhang gesehen, statt Wahrheitsbedingungen gibt es Gelingensbedingungen, Ausdrücke wie Aufrichtigkeit oder Missbrauch sind Teil des analytischen Inventars. Solche Modelle können also sehr gut erklären, warum etwa Entschuldigungen, die in einem Kontext „Wenn es sein muss, dann tue ich das halt“ vorgebracht werden, einerseits die Opfer einer vorangegangenen Tat noch einmal mehr beleidigen, andererseits aber den Tätern ungebrochene Solidarität signalisieren. Nicht nur, dass hier die pragmatische Sprecherbedeutung perfekt instrumentalisiert und beherrscht wird, kann diese je nach politischer Notwendigkeit auch wieder in Abrede gestellt werden und es findet wiederum ein Rückzug auf eine Ausdrucksbedeutung statt, die auf einem kontextlosen Wahrheitsbegriff basiert: Um beim Beispiel zu bleiben: Die Entschuldigung hat in einem formalen Sinn dann stattgefunden, das heißt, es wäre in diesem Sinn eine falsch, sie im rein wörtlichen Sinne abzustreiten und der Fall ist damit erledigt („Was will man denn noch?“). Oder: Nachdem die Bedeutung von Konzentrationslagern durch die Verwendung des Wortes „Straflager“ kontextuell derart verändert wird, dass ihre Einmaligkeit und die Dimension des Holocaust damit in Abrede gestellt werden, findet sich sofort ein Adlatus, der diesen Sprechakt ausgerechnet mit einer (kontextlosen) Wörterbuchdefinition in Abrede stellen will. Der Ausdruck „eigentliche Bedeutung“ wird so bis zur Auflösung hin pervertiert. Das Hin- und Herschalten, das Switchen zwischen verschiedenen Diskursebenen und Bedeutungsmodellen wird zum zentralen Bestandteil dieser politischen Kommunikation. Auch in umgekehrter Richtung, das heißt von einer kontextlosen Ausdrucksbedeutung zu einer Sprecherbedeutung funktioniert dieses Umschalten: Als Haider von einem CNN Reporter nach den Wahlen auf sein berüchtigtes Beschäftigungspolitik-im-Dritten-Reich-Zitat angesprochen wurde, war er mit der Antwort, dieses sei außerhalb des Kontexts zitiert worden, so schnell zur Stelle, dass dem Interviewer gar nicht einfiel, nachzufragen, in welchem Kontext so ein Zitat denn weniger oder gar nicht problematisch sei. Während man bei Schüssel mit seinem verzweifelten Appell, die Regierung „doch an ihren Taten zu messen“ noch an den Wunsch glauben könnte, sprachliches und nichtsprachliches Handeln seien zu trennen, ist es die Strategie der neuen Rechtspopulisten, diese verschiedenen Ebenen sprachlichen und nicht-sprachlichen Handelns mit hoher Flexibilität zu bespielen, sie auszutauschen und gegeneinander auszuspielen. Als Linguist befällt einem hier ein merkwürdiges Gefühl und es stellt sich immer mehr die Frage, ob der eindrucksvolle Fortschritt dieser Wissenschaft in den letzten vierzig Jahren nicht auch sehr viel dazu beigetragen hat, dass über alle möglichen Formen von Kommunikationstraining hier ein Wissen verbreitet wird, das es in einem immer höheren Maße möglich macht, das sprachliche Was zugunsten eines sprachlichen Wie zu verdrängen. Objekt- und Metasprache lassen sich hier oft nicht mehr trennen und für den Forscher stellt sich dann die Frage, wer denn eigentlich im Käfig sitzt. Fortschritte auf diesem Gebiet können letztendlich immer in den Dienst der Maxime „Sage das, was wirkt“ gestellt werden und Sprache gekoppelt mit dem Wissen darüber dient nur mehr der werbe- und medientechnischen Erzeugung dieser Wirkung. Es ist schon oft auf den konstruierten Charakter des neuen populistischen Politikertypus hingewiesen worden, wie dieser durch Medientechniken und Meinungsumfragen erzeugt wird, immer flexibel und bereit, sich einer neuen Situation anzupassen, verbunden mit der Unmöglichkeit, ihn mit Identitäts- oder „Eigentlichkeits“-Fragen zu konfrontieren, wie das der Kulturgeschichtler Thomas Macho kürzlich formuliert hat. Kein „wahres Selbst“, die Frage „Wer bist du wirklich“ lässt sich nicht stellen. Das zentrale Moment inmitten aller Kleidungs- und Imagewechsel ist die Sprache, die ihrerseits keinen wahren Kern mehr besitzen soll, der ein Festmachen oder eine Verankerung an Tatsachen ermöglichen würde. Ausdruck und Inhalt müssen genau so schnell austauschbar sein wie die Pronomina „ich“ oder „wir“. „wir“ ist „ich“ und „wir“ können die „richtigen und aufrechten Österreicher“ oder auch mal wir alle sein, je nachdem in welchem Kontext die „Anderen“ gerade definiert werden. Das Spiel mit der Wahrheit wird nicht, wie bei den alten Griechen auf ein logisches Paradox reduziert, sondern Wahrheit verflüchtigt sich in der Oszillation zwischen Diskurspositionen und -strategien, ganz angepasst den jeweiligen Anforderungen der Mediendemokratie. Der Satz „ich lüge“ ist unter diesen Bedingungen so etwas wie eine permanente virtuelle Wahrheit, und zwar eine, die auf ihren Täuschungscharakter hinweist.

Hans Martin Prinzhorn,
Linguist, Kunsttheoretiker und Kurator,


Wien, Mai 2K

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