Relative Strength

Relative Strength/Relative Stärke

AutorInnen
Nina Schedlmayr

Wenn vom "Faktor Mensch" die Rede ist, dann bedeutet das meist nichts Gutes. Der Ausdruck verheißt Systemabsturz oder Zugunglück. Da hat schon wieder jemand nicht funktioniert. Die Gleichung ist alt, aktuell ist sie trotzdem noch immer: Der Mensch ist ein Rädchen im Getriebe der Systeme. Ein Unternehmen, so heißt es, ist immer nur so gut wie seine MitarbeiterInnen.

Demgemäß schlägt sich der "Faktor Mensch" auch in den wackeligen Graphen, die Börsenkurse darstellen, nieder. Deren zackige Linien erinnern an jene eines EKG – oder auch, wie Ruth Anderwald + Leonhard Grond anführen, an die Zeichnungen, die der Pulsmesser von Etienne-Jules Marey, entwickelt 1878, notiert hat. Dieser manifestiert die komplexen körperlichen Prozesse, denen der Mensch ausgesetzt ist – ähnlich resümieren die Börsencharts komplexe ökonomische Prozesse in knappen Punkten oder Linien.

In ihrer Arbeit "Relative Strength" führen Anderwald + Grond nun die zwei Kategorien Normierung und (menschliches) Individuum zusammen. Bei den Börsencharts in Wirtschaftszeitschriften ist ihnen die körperbezogene Sprache, in der Vorgänge oder Entwicklungen summarisch dargestellt werden, aufgefallen. Die Linien, die sich über die Graphen legen und Tendenzen anzeigen sollen, tragen Namen wie "Schulter", "Kopf" oder "Nackenlinie". Andere bezeichnen zwar keine Körperteile, rufen aber Assoziationen zu körperlichen, psychischen oder gesellschaftlichen Prozessen hervor: "Widerstandszone", "Entscheidungszone" oder eben "Relative Stärke" signalisieren über längere Zeit hinweg beobachtete Phasen. Die Quelle dafür sind unter anderem Befragungen von Händlern und Anlegern, die stark von psychologischen Faktoren beeinflusst sind.

Anderwald + Grond kombinieren diese Graphen nun mit privaten Fotos von Leuten, die mit allem anderen als Arbeiten beschäftigt sind: Ein Mann steht mit geschlossenen Augen im Garten. Ein anderer badet in einem romantischen Waldsee. Eine Frau liegt in einer Wiese. Ein Paar sitzt vor einem See und schaut offensichtlich einfach nur in die Luft. Dem Freizeitstress haben sie sich großteils entzogen, in genau diesem Moment sind sie ökonomisch wertlos: Sie arbeiten nicht, sie konsumieren nicht, und sie präsentieren sich auch nicht stolz im Lichte ihres Erfolges. Die Bilder entsprechen genau dem Gegenteil jener Fotos, die in den Wirtschaftszeitschriften üblicherweise die gezackten Börsenlinien begleiten: Bilder von glücklichen, weil erfolgreichen Arbeitnehmern, die nebenher auch noch ein tolles Privatleben haben. Da ist es auch nicht so tragisch, wenn sich die daneben abgebildeten Börsenkurse nicht so toll ausnehmen: Im Doppelpack mit solchen Images suggerieren sie dennoch Zuversicht. Mit ihren Fotos aus dem Privatarchiv brechen Anderwald + Grond derartige Aufwärtstrend-Versprechungen und ersetzen sie durch eine kontemplative Komponente. Die Graphen rufen aber auch Assoziationen zu medizinischen oder psychologischen Analysen hervor und könnten so auch für den Zustand der abgebildeten Personen stehen.

Formal interessieren die Börsenkurse deshalb, weil sie immer nur ein Ausschnitt sind. Das abrupte Abbrechen der Linie impliziert schon ihre Fortführung. Als potenzielles Laufbild verweist sie automatisch auf das nächste Bild und ist mit dieser Vorwegnahme des zu Erwartenden Mareys Pulsmesser verwandt. In der Bewegung, die der/die PassantIn vollzieht, spult sich förmlich ein Plakat nach dem nächsten ab. Kontemplation löst Progression ab – ein stop-and-go, die typisch urbane Fortbewegungsart. Für ihre Arbeit haben Anderwald + Grond eine quasi-filmische Sprache gewählt und nähern sich damit dem Rhythmus zwischen Produktion und Rekreation auch formal an.

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