Remix

Remix von Herwig Kempinger

AutorInnen
Brigitte Huck

Der Medienkünstler Herwig Kempinger arbeitet mit Kamera und Computer an einer Neudefinition der Begriffe Malerei, Skulptur und Fotografie im immateriellen Raum der virtuellen Bilder. 1957 in Steyr geboren, studierte er von 1976–80 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wo er später, etwa in Peter Weibels Meisterklasse für visuelle Mediengestaltung, auch unterrichtete. Er hat an zahlreichen

internationalen Ausstellungen mitgewirkt und war 1994 österreichischer Vertreter auf der Biennale von São Paulo. Die Auseinandersetzung mit der Konzeptkunst und den medienreflexiven Verfahren der 70er Jahre kennzeichnen eine Arbeit, für die Dekonstruktion, Abwesenheit und die Zeiterfahrung essentiell ist. Kempinger hat sich immer gegen den „sentimentalen europäischen Materialfetischismus“ gewendet, seine Sujets sind Licht, Farbe und Raum, sein Thema ist Wahrnehmung jenseits der Körper und Objekte, jenseits des Abbilds.

Kempingers streng komponierten Bilder sind einer minimalistischen, abstrakten Ästhetik verpflichtet, ob sie nun im bunten Cyberspace oder auf quasi entleerten fotografischen Oberflächen an der Grenze optischer Wahrnehmbarkeit operieren. Die flachen, ereignislosen Fotobilder beweisen im architektonischen Kontext transformatorische Kapazität. Mit einfachen Bildstrategien wie Farbverläufen, Lichtmodulationen und diffusen Schatten werden Energien entwickelt, die räumliche Substanz verändern und zersetzen. Kempinger, der zu den radikalen Finalisten von Objektbezug und Narration gehört, und mit seiner Fotografie die Entmaterialisierung des Kunstwerks betreibt, spürt das Immaterielle, Flüchtige zuletzt in manifesten Wolkenformationen auf – mediatisierte Betrachtungen eines Künstlers, für den Natur erst durch Manipulation und Verbesserung interessant wird. Die Dateninformation mehrerer Negative werden am Computer zu einem Bild verbunden, Zeit und Raum verdichtet und erweitert. Kürzlich wurde in einer persischen Teppichmanufaktur ein Wolkensujet nachgeknüpft, ein Bild, jedoch ein ins Endlose zerdehnter Prozess, monatelanges Knüpfen als ultimatives Kontrastprogramm zum Finger am Auslöser.

Durch die Verschränkung der handwerklichen und apparativen Konstruktion löst Kempinger Turbulenzen aus, und auch sein Projekt für die Arbeiterkammer ist an einer Schnittstelle angesiedelt: Die Aufgabe, das Logo der AK zu berücksichtigen, hätte zu Affirmation oder schlichtem Design führen können. Kempinger aber ist es gelungen, die Hochseilnummer zwischen Kunst und Werbung in seinem Sinne produktiv zu halten. Der Blitzschlag mit Lichtschein auf Logo fusioniert persönliche Formensprache und Auftrag zu einer spannungsreichen Intervention im öffentlichen Feld, die inhaltlich und räumlich-organisatorisch gleich gut funktioniert. Er selbst weist auf den alten Liftverkehr zwischen Werbung und Kunst hin: „Da gibt es eine sehr starke Beziehung, sehr oft in die eine Richtung, dass Werbung stark von Kunst profitiert, andersherum haben viele Künstler mit Werbesujets gearbeitet, mit Warhol hat das angefangen, und immer noch ist es ein ongoing process, bis Jeff Koons oder Richard Prince. Es gibt also diesen heftigen und sehr reizvollen Austausch – die Werbung für sich genommen ist ja etwas sehr Interessantes. Ich finde auch das Arbeiten im öffentlichen Raum spannend, nicht zuletzt, weil es sich immer um sehr spezielle und unterschiedliche Aufgaben handelt und sich die Situation grundlegend von den geschützten Räumen der Museen oder Galerien unterscheidet. Das dient auch der eigenen Arbeit, man denkt neu nach und muss raus aus den Denkgebäuden, in denen man sich so bewegt, nur Adaptieren alleine funktioniert nicht. Im Prinzip halte ich konkrete Aufgaben mit engen Parametern für eine Herausforderung, man geht mit Limits um und kann nur in einem gewissen Rahmen nachdenken. Oft sind gerade diese Aufgaben positiv, man hat dann einen sehr konkreten Denkansatz, es ist eben nicht mehr alles möglich, und das ist auch eine Art Freiheit.“

Herwig Kempinger reagiert als Künstler unpathetisch und souverän. Da kommt kein großsprecherischer Symbolismus auf, und keine indiskrete Romantik, sondern allein der nüchterne Befund, dass sich unsere Art, Zeichen wahrzunehmen, unsere engere oder entferntere Beziehung zur Zeit unterschiedlich darstellt. Wer mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel in Sekundenbruchteilen die virtuellen Welten durchmisst, für den physischen Transport des müden Körpers allerdings Stunden braucht, leidet unter permanentem Phantomschmerz, den auch die tröstliche Realie der Plakatwand nicht lindern kann. So bleibt als Konsequenz aus Kempingers Betrachtungen von Zeit-Zeichen die Erkenntnis, dass die künstlerische – im Gegensatz zur historischen Ablaufzeit des Nacheinanders – eine Zeit der Äquivalenz und Synchronizität ist: alles ist gleichzeitig.

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