TransAct 09

TransAct Statement

Do the right thing?

An Taten solle man die Regierung messen, nicht an Worten, hatte der frischgebackene Bundeskanzler gefordert. Dr. Wolfgang Schüssel scheint wenig von seinen eigenen Wortspenden zu halten, wenn er meint, dass sie als „qualité négligeable“ zu behandeln sind. Dass Worte selbst auch Taten sind, ist allerdings eine einfache Wahrheit des Common Sense (für die völkischen Muttersprachler: des allgemeinen Menschenverstands). Der britische Philosoph John L. Austin entwickelte Mitte der 50er Jahre für diesen Sachverhalt den Begriff Sprechakte und analysierte „How to Do Things with Words“. Als betroffene Bevölkerung sollten wir in diesem Sinn den amtierenden Wortführern Österreichs zur Zeit noch genauer als sonst „auf's Maul schauen“, sämtliche Aussagen, die eigenen wie die gegnerischen, auf die Waagschale legen. Im folgenden deshalb ein paar Überlegungen zu Fundstücken aus dem akuten politischen Sprachgebrauch.

Der Kulturkampf, den wir gerade ausfechten, dreht sich um Werte und um Worte. Die bedrohliche Atmosphäre, die in diesen Wochen unter anderem mit fröhlichem Lärmen und urbanisierten „Perchtenläufen“ vertrieben werden soll, gibt es nicht erst seit dem 3. Oktober 1999 (Tag der Urne, österreichisch: Leichentopf) oder dem 4. Februar 2000 (Tag des Tunnels, österreichisch: unterirdischer Weg). Diese Atmosphäre wurde langfristig erzeugt durch Worte und Bilder, also durch Taten oder anders gesagt durch Zeichensetzungen. Gegen gute Stimmung wäre natürlich nichts zu sagen und die bunten Protestmanifestationen der letzten Wochen sind ein beredtes Plädoyer dafür. Die phrasendreschenden Freiheitler dagegen schüren Ängste und Neidgefühle. Die von ihren Wahlplakaten massiv herbeigeredete Atmosphäre der Abgrenzung sorgt für Gehässigkeit, Entsolidarisierung und die Konstruktion von Sündenböcken. Wie Antonio Fian treffend schreibt: „Die vorgehaltene Hand ist verschwunden“.

Die tendenziösen, demagogischen Aussagen des Herrn Dr. Haider, von vielen als „Sager“ flott-salopp verharmlost, sind dabei nur die Spitzen eines größeren nationalistischen und reaktionären Eisbergs. Politische, rhetorische, argumentative Maßnahmen gegen diesen Eisberg aus kaltschnäuzigen Tiraden sind erforderlich. Das gilt andererseits ebenso für das alte, jederzeit leicht reaktivierbare rassistische Hollywoodklischee von den Nazischergen, deren Bereitschaft zu schändlichsten Taten an jedem Satz und jeder Geste abzulesen sei: ein Vorurteil mit eingebauter Sippenhaft. Wenig wählerisch, „wie Vorurteile halt sind“, läßt es sich auf mutmaßliche FPÖ-Anhängerschaft genauso anwenden wie auf die gesamte österreichische Bevölkerung. So etwas wie Sippenhaft, gewissermaßen die hausgemachte Variante davon, impliziert umgekehrt auch jene „organische und ethische Gebundenheit des Menschen in verschiedenen Gemeinschaften von der Familie bis zum Volk“, wie sie Herr Dr. Haider in der rechtsextremen Zeitschrift Aula gefordert hatte. Ein altbekanntes Gebräu aus Vererbung und völkischer Verpflichtung. Die FPÖ hat diesen Bunkercocktail etwas aufgemotzt durch vollmundige Versprechen einer konsequent unkonkreten Veränderung sowie durch einen ordentlichen Schuß sprudelnde Kasperliaden ihres mittlerweile ehemaligen Obmanns. Herr Dr. Haider übertreibt dabei nicht wenig, wenn er etwa sich selbst in der rabiaten Hühnerstallmetapher als Fuchs bezeichnet. Denn der Fabel nach ist der Fuchs listig und schlau, schleicht nach Beute und ist bei Gefahr nie um Auswege und Mittel verlegen. Die gegnerische Kritik reagierte auf Herrn Dr. Haiders derbe Tiermetaphorik zu Recht mit Empörung. Vielleicht hätte es aber auch genügt, das Gejapse des Möchtegern-Gurgelbeißers mit Brüsseler spitzen Bemerkungen zu parieren.

Im Gegensatz zu den allseits geläufigen Kübelbegriffen könnte die Chance „des“ Widerstands gerade in seiner „Buntheit“ liegen, darin, dass er nicht nur von einer einzelnen Organisation logistisch konzipiert wird. Selbstverständlich gilt es, permanent die „Löwen“ der FPÖ-Eigenwerbung als „toupierte Hunde“ zu demaskieren und die Fernsehpredigertricks ihres Gurus zu entlarven. Vor allem jedoch wird konstruktive politische Arbeit jenseits des Showprinzips nötig sein – als Alternative zu der Kleingeisterbeschwörung der populistischen Politzocker. Die dringenden Sachfragen betreffen etwa Probleme der Grenzziehung und auch hier empfiehlt sich ein genauer Blick auf die gebräuchliche Terminologie der „Ausgrenzung“ und neuerdings der „Eingrenzung“. Beispielsweise bezeichnen die österreichischen Regierungsparteien die EU-Sanktion gerne als eine „Einmischung von außen“. Diese Formel ist umso überraschender, als bisher immer nur die beitrittswilligen angeblichen Habenichtse „draußen“ waren: arm ist draußen, reich ist drinnen. Jetzt aber soll plötzlich draußen die EU sein und nur, wo Österreich draufsteht, ist auch Österreich drinnen? Apropos „Überfremdung“: „Schüssel“ ist die vom lateinischen „scutula“ abgeleitete Bezeichnung für ein hohles Behältnis...

Hans Kronberger, FPÖ-Abgeordneter zum Europäischen Parlament, hat die EU-Sanktionen gegen Österreich als „kafkaesk“ bezeichnet. Beschreibt diese Vokabel nicht eher die Situation der „Armen“ und „Bittsteller“ vor den Toren des EU-Gesetzes? Es geht in dieser ganzen Auseinandersetzung doch vorrangig um die definitorischen Grenzen Europas. Wo fängt es an, wo hört es auf? Den Gegenstandsbereich der europäischen Vereinigung in flagranti zu bestimmen ist de facto wesentlich schwieriger, als uns die Schwarz-weiß-Malerei der FPÖ vorgaukeln will. Wird sich die EU im kommenden 21. Jahrhundert über das ehemalige Sowjetimperium stülpen und sich womöglich bis zur Volksrepublik China ausdehnen? Und was ist beispielsweise mit „ehemaligen“ Kolonien in Afrika, die wirtschaftlich, vielleicht auch kulturell Europa heute näher stehen als manchen afrikanischen Nachbarn?

Im ökonomischen Bereich, dessen „Sachzwängen“ zu gehorchen Politiker meist spielend gelernt haben, gilt die Internationalität oder eigentlich Transnationalität zumindest den Gewinnern bereits als Selbstverständlichkeit. Wie verhält es sich diesbezüglich in der Kunstwelt, zum Beispiel im literarischen Feld, das heißt dort, wo sich Menschen professionell mit Sprache beschäftigen? Marktspezifische Segmentierungen, die Kosten der Übersetzung oder auch regionalspezifische Themen führen zwar einerseits dazu, dass literarische Produktionen teilweise noch als Nationalliteraturen wahrgenommen werden. Doch im internationalen Raum der Literatur wurde längst ein Kommunikationsforum entwickelt, das sich über solche polit-ökonomischen, nationalen oder regionalen Festschreibungen hinwegsetzt. Die französische Literaturkritikerin Pascale Casanova hat in ihrem neuen Buch „La République mondiale des lettres“ (Die Weltrepublik der Literatur) die Entstehung dieses übergreifenden transnationalen Felds ab seinen Anfängen im 16.(!) Jahrhundert untersucht. Die Autorin zeichnet darin nicht einfach nur die aktuelle polyzentrische Situation nach, sondern zeigt an zahlreichen Fallstudien die innovatorischen Kapazitäten von Positionen der „Peripherie“ und, wie diese zum weltumspannenden Diskurs der Literatur beitragen konnten.

Franz Kafkas Erfahrungen – nicht als ein „echter Österreicher“, so lautete wohl die FPÖ-Diktion, sondern – als Mitglied zweier Minderheiten, nämlich der Deutschsprachigen und der Juden in Prag, förderten das Innovationspotential seines Werks ganz entscheidend, so Casanova. Aufschlußreich ist auch ihr Vergleich zwischen dem 1947 verstorbenen Charles Ferdinand Ramuz, dessen Texte sich an der mündlichen Sprache des Kanton Vaud (Waadtland, französische Schweiz) orientierten, mit zeitgenössischen Autoren von den Antillen (ehemalige französische Kolonie in der Karibik) wie Jean Bernabé, Patrick Chamoiseau und Raphaël Confiant und deren „Éloge de la créolité“. Diese Schriftsteller versuchen, die Erfahrung und die Reichhaltigkeit der „Kreolisierung“, die Vielsprachigkeit der Mischsprache(n) in die Weltrepublik der Literatur einzubringen, um so „das Imaginäre der Menschheiten zu verändern“, wie der ebenfalls in Martinique geborene Édouard Glissant schreibt.

Kunst, Literatur oder Musik sind öffentlicher Zeichengebrauch, ein kommunikatives Handeln und sie bilden Tätigkeitsfelder, die spezialisiert sind auf Mehrsprachigkeit, Übersetzung, innovatives Chaos, Interferenzen. Zu sagen, daß diese Professionen besonders dafür geeignet sind, den beschleunigten Wandel der modernen Lebenswelt zu analysieren, gibt ihren Protagonisten keine besondere moralische Autorität oder deren Aussagen automatisch Legitimität. Aber die künstlerischen Aktivitäten können uns eine Lektion gegen kleinliches, rückständiges Territorialgehabe erteilen. Uns droht heutzutage nicht – auch und gerade nicht durch das Internet – eine „fremde“, angloamerikanische sprachliche Monokultur oder eine Binnenkolonisierung durch „Fremdlinge“, gegen die das Phantasma einer ortsspezifischen kulturellen Substanz, genannt Muttersprache oder völkische „Gebundenheit“, mobilisiert werden müßte. Alteingesessene Kulturen sind lediglich diejenigen, die bereits vor längerer Zeit „kreolisiert“ worden sind. Alle Menschen sprechen Mischsprachen und, indem sie sich in ihnen ausdrücken, kommunizieren sie eigentlich niemals einsprachig. Gegen das Festungsdenken der Lokalisten sprechen deshalb die Chancen einer „Sprachenvielfalt ohne Hierarchisierung“, in den Worten Glissants ein „Magma von Möglichkeiten“.

Theo Steiner,
Philosoph und Kurator

Wien, 29. Februar 2000

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