TransAct 03

TransAct – Brief von Wolf Singer an Cathrin Pichler

AutorInnen
Wolf Singer

Liebe Cathrin Pichler,

es hat mich sehr gefreut, wieder von Ihnen zu hören, auch wenn der Anlaß ein so betrüblicher ist. Kaum daß die Koalitionsvereinbarungen getroffen waren, als wir auch schon gezwungen wurden, uns mit den Problemen auseinanderzusetzen, die Herr Haider und seine Gefolgsleute für Österreich und seine Nachbarn heraufbeschworen haben. Die International Neuropsychology Society hatte vor, im Juni eine Jubiläumskonferenz am Mondsee abzuhalten. Von den 100 Teilnehmern dieses Symposiums ist ein nicht unerheblicher Teil jüdischer Abstammung. Diese haben umgehend ihre Teilnahme am Symposium abgesagt und dafür plädiert, es in ein anderes Land zu verlegen. Nach einer kurzen E-mail Diskussion hat sich die Mehrheit der Symposium-Teilnehmer für eine Verlegung des Symposiums ausgesprochen. Ich lege Ihnen die Kopie meiner Stellungnahme bei. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, und in diesem Fall die Solidarität gegenüber unseren Kollegen über die politische Vernunft gestellt.

Nach der ersten und berechtigten Welle der Entrüstung, die zu solchen Symbolhandlungen führte, müssen jetzt Taten folgen, die einer Marginalisierung Österreichs entgegenwirken und die Aktivitäten der vielen Andersdenkenden unterstützen. Jetzt geht es darum deutlich zu machen, daß unsere österreichischen Kolleginnen und Kollegen in den Wissenschaften und Künsten, die Herrn Haider aus naheliegenden Gründen ein besonderes Ärgernis sind, unserer ungeteilten Sympathie zu versichern. Ich werde hinfort Einladungen zu wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen in Österreich mit hoher Priorität nachkommen. Natürlich werden die Kollegen und Freunde, die ich bei solchen Anlässen treffe, keiner Versicherung ihrer Betroffenheit und Empörung bedürfen. Was nun gebraucht wird, sind kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen, bei denen Öffentlichkeit zugelassen ist und Gelegenheit besteht, der berechtigten Entrüstung und Sorge der österreichischen Intellektuellen aus der Außenperspektive Nachdruck zu verleihen. Deutschland und Österreich haben die finstersten Jahre des letzten Jahrhunderts gemeinsam verbracht, und Österreich darf sich der Mitverantwortung nicht entziehen. Ich weiß zuwenig darüber, wie gründlich Österreichs Kinder über diese Bedingungen aufgeklärt wurden und wie intensiv die Versuche waren, in Familien und Schulen, die Jungen für die Gefahren zu sensibilisieren, die aus den süßen Verlockungen rechtsradikaler und nationalistischer Ideologien erwachsen und sie dagegen zu immunisieren. Der Umstand, daß Haider möglich ist und seinen Getreuen Regierungsverantwortung zu übertragen statthaft erscheint, mehrt die ungute Vermutung, daß es hier Nachholbedarf gibt. Symptomatisch hierfür könnte auch sein, daß sich gerade in Österreich - Wien ist eben doch nicht Kärnten - eine wunderbare, sehr lebendige und avantgardistische Kulturszene immer aufs Neue und mit großer Vitalität konstituiert. Ich denke an Qualtinger, Bernhard, Jelinek, Nitsch und die vielen anderen, die mir vergeben mögen, wenn ich sie hier nicht namentlich aufführe. Dieses, wie es von außen scheint, durchaus österreich-spezifische Phänomen verweist auf die Existenz konservativer Bollwerke und, wie sich jetzt zeigt, sogar gefährlicher restaurativer Ideologien, gegen die sich aufzulehnen zur Verpflichtung wird. Solange es diese vitale und unkompromittierbare Kulturszene in Österreich gibt, kann nichts passieren. Jetzt muß sie mehr denn je ihr Selbstbewußtsein zeigen und nun "erst recht" sagen und ihre Freunde von außen miteinbeziehen. Seien Sie versichert, daß wir für jede Gelegenheit hierzu dankbar sind.

Mit herzlichem Gruß
Ihr

Prof. Wolf Singer
Max-Planck-Institute for Brain Research
Frankfurt / Main


22. Februar 2K

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