TransAct

TransAct. Das erste Jahr

AutorInnen
Cathrin Pichler

Mit dem Rückblick zum ersten Jahr von TransAct bin ich zumindest zweimal gescheitert. Gescheitert, weil die Erinnerung an den Beginn dieser Initiative sich immer wieder an der Gegenwart brach, weil sich die Bilder vom Februar 2001 immer über die des Februar 2000 schoben. War es nicht der falsche Zeitpunkt für eine Rückschau, war nicht erst jetzt manifest geworden, was ein Jahr vorher als gespenstisches Szenario erschien, war nicht ein historischer Bruch in einen Status der Normalität übergegangen?

Dennoch hat sich im Februar 2000 etwas ereignet, das auch heute noch unsere Aufmerksamkeit wachhält: im ersten Erleben eines Vakuums begannen sich die ganz gewöhnlichen, alltäglichen Gefühle politisch zu färben. Es waren neue Erfahrungen von Instabilität, Fremdheit und Unsicherheit bislang stabiler Haltungen, die den politischen Bruch auch als Bruch von je individueller Geschichte erleben ließen. Eine neue Wahrnehmungsweise des Geschehens rückte Politisches in den „Nähesinn“ (Alexander Kluge) derer, die plötzlich Betroffenheit fühlten.

Es waren intensive Gefühle, die in den ersten Tagen nach der neuen Regierungsbildung im Februar 2000 der momentanen Erstarrung folgten. Aus dieser Situation entstanden unmittelbar Initiativen, die kurze Zeit später mit TransAct (Transnational Activities in the Cultural Field) einen gemeinsamen Titel erhielten. Schon die ersten Aktivitäten richteten sich nach draußen, auf das kulturelle Feld außerhalb unseres Landes, wohl mit der Absicht, sich intellektueller und moralischer Positionen zu vergewissern und deren Solidarität zu suchen. von intellektuellen und moralischen Positionen und deren Solidarität.

Diese ersten Anfragen nach Partizipation in dem Protest gegen die Regierungsbeteiligung einer rechtsorientierten und offen fremdenfeindlichen Partei brachten ein spontanes und vielfältiges Echo Intellektueller und Künstler aus allen Teilen der Welt. Im Laufe der folgenden Monate entwickelte sich aus den ersten Protesten ein Resonanzraum, in dem in Texten und Bildern Kommentare zur aktuellen Situation realisiert wurden, die unmittelbar lokale Erfahrungen mit fremden, entfernten Erfahrungshorizonten verbanden.

TransAct hatte zu Beginn keine Programmatik, Strategien entwickelten sich auf der Folie von politischen Ereignissen und Aussagen aus dem Engagement, aus der Kreativität und nicht zuletzt aus den Emotionen der Beteiligten. So löste auch nach den ersten Monaten eine kommentierende Beobachtung und eine über den Ereignisbezug hinausreichende Reflexion die erste Phase des Protests ab.

Über die Zeit eines Jahres entwickelte sich ein komplexes Panorama subjektiv erlebter und interpretierter Gegenwart. Spontane, atmosphärische Reaktionen stehen neben historischen Reflexionen und projektiver Kritik gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen. Ein Panorama, zugleich eine kleine Kartographie, vom Zeitbezug der Referenz wieder zurückgeführt in die Aktualität der Tageszeitung und so Zeitdokument in doppelter Weise.

Seinem besonderen Charakter nach aber ein Dokument für Motivationen und die Brechung von Passivität, für eine „realistische Haltung“, wie Alexander Kluge die genaue Wiedergabe realer Erfahrung nennt und auf diese Weise nicht zuletzt Dokument für eine Sicht von Politik, die diese nicht abgetrennt von persönlichen Lebens- und Erfahrungswelten begreift: das Politische „als ein besonderer Intensitätsgrad von jedem alltäglichen Gefühl, jeder Praxis.“ x)

Insgesamt zeigt das erste Jahr von TransAct 70 Beiträge, 70 Orte auf einer Landkarte, in deren Zentrum Österreich liegt, besetzt aber von einer noch vielfältigeren Kartographie von individuellen Erfahrungen, Erinnerungen, Vorstellungen und Ideen.


x) Alexander Kluge: Theodor Fontane – Heinrich von Kleist – Anna Wilde. Zur Grammatik der Zeit, Berlin 1987, S. 9.

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