Über museum in progress

Museum und Concept Art

AutorInnen
Robert Fleck

Die grundsätzliche Neubestimmung des Begriffs des Kunstwerkes, der von der Concept Art vor zwanzig Jahren geleistet wurde, hat bezüglich der Vermittlungs- und Präsentationsformen von Kunst bislang längst noch nicht die dringend notwendige Entsprechung gefunden. Im Gegenteil hat die „Renaissance des (klassischen) Museums“ nach der kurzen Museumsdebatte der frühen 70er Jahre viel zur Akademisierung gerade auch der Concept Art beigetragen, wie zur Akademisierung der zeitgenössischen Kunst überhaupt.

Genau an dieser Schnittstelle, an dem von der Concept Art tiefgründig neubestimmten Begriff des Kunstwerkes, aber setzt das museum in progress mit der entsprechenden Innovation im Vermittlungszusammenhang an. In den Termini der Museumsdebatte der frühen 70er Jahre gesprochen, müßte man es als ein bewußtes „Anti-Museum“ bezeichnen. Alles, was ein klassisches Museum gemeinhin ausmacht, fehlt beim museum in progress: keine Mauern, keine Wärter, keine Eintrittskarten und keine ständige Sammlung. Ein gewisser polemischer Zug haftet denn auch diesem spezifischen Museum an: gegenüber dem beispiellosen Museumsboom der letzten Jahre mit seinen ambivalenten Folgen (Monat für Monat werden heute in der westlichen Welt, und zwar insbesondere außerhalb der großen Metropolen und selbst in abgelegenen Regionen, Museen für moderne und zeitgenössische Kunst eröffnet, wodurch sich der Zyklus zwischen der Kunstwerkproduktion bzw. der Entstehung künstlerischer Bewegungen und der Ausstellung im Museum in atemberaubender Weise beschleunigte und mit ihm die Moden) lehnt das museum in progress alle Merkmale, die diese neuen Museen restaurierten, in Summe die hergebrachten Koordinaten des von der europäischen Aufklärung konzipierten Museums, ab. Ein Museum ohne feste Mauern zu sein, die selbst wieder der Präsentation von Kunst dienen würden, bleibt der Grundgedanke, um den sich das museum in progress dreht.

Zugleich aber könnte der Kontrast zur Museumsdebatte der frühen 70er Jahre mit ihrem „anti-musealen“ Diskurs kaum schärfer sein. Damals nahmen Künstler wie Konservatoren im Gefolge von 1968 den Sturm auf die bestehenden Museen als Kernstück eines bürgerlichen Kunstbetriebes vor, der rundweg zu revolutionieren sei, um nicht entfremdete Produktions- und Rezeptionsformen von Kunst erst möglich zu machen. Das museum in progress dagegen stürmt nicht mehr die bestehenden Institutionen, sondern es verlagert einfach das Spiel. Anstelle den komplexen und in architektonischer wie administrativer Hinsicht schwerfälligen Apparat des klassischen Museums reformieren zu wollen, wie es die Museumsdebatte der frühen 70er Jahre proklamierte, nimmt es eine Neubestimmung des Museumsbegriffes des Kunstwerkes vor, der sich aus der Neubestimmung des Begriffes des Kunstwerkes, den die Concept Art vornahm, inspiriert.

Dies hat in manchem damit zu tun, daß es sich tatsächlich um eine Reaktion auf den Boom an klassischen Museumsbauten in den 80er Jahren handelt, der die Kunst in eine tiefe Krise trieb. Die Antwort auf diese ist beim museum in progress sehr ähnlich derjenigen, die Marcel Broodthaers Ende der 60er Jahre mit seinen verschiedenen um den Museumsbegriff herum aufgebauten Werken tat, nur daß hier nun der Schritt in die Praxis, in eine wirkliche Museumsarbeit mit lebenden Künstlern getan wird, den Broodthaers um der Konzeptualität und um des philosophischen Gestus seines Werkes nicht tun durfte.

Wenn das museum in progress in vielen Momenten als das Äquivalent zur Innovation der Concept Art im Vermittlungsbereich gedeutet werden kann, dann beruht dies aber überdies noch auf einem weiteren Umstand. Die Innovation der Concept Art im Bereich des Kunstschaffens hatte im wesentlichen auf zwei Dingen beruht, zum einen auf der Eroberung neuer Träger des bildnerischen Kunstwerkes, vor allem der Sprache, nichtmaterieller Träger, der Medien und der Werbung, und zum zweiten auf einem Aufreißen der Einheit von Zeit und Ort, die von der klassischen Moderne noch gewahrt worden war, zugunsten der Prozessualität als der Zeitdimension des Werkes und seiner Erscheinung. Beides nun betrifft auch das Funktionieren des museums in progress im Bereich der Museologie. Die Medien, und zwar die Massenmedien in ihrer gewöhnlichsten, das gesellschaftliche Leben heute weithin dominierenden Gestalt als Träger von Kunst zu erobern und einen dem Medienzeitalter adäquaten Museumsbegriff zu entwickeln, definiert das museum in progress als Projekt. Und damit geht einher, daß das Museum nicht mehr seine Realität in festen Mauern findet, sondern im Prozeß eines regelmäßigen Erscheinens im Medium Plakat, Zeitung und Fernsehen, dem heutigen Raum der Öffentlichkeit. Eine dritte Gemeinsamkeit mit der Concept Art besteht darin, daß die Genauigkeit der Plazierung und der Intervention – ein vergleichsweise vernachlässigbares Moment in der klassischen Kunst wie im klassischen Museum – das Um und Auf jedes einzelnen Projektes und Werkes wird. In dieser Hinsicht aber hat das museum in progress bislang durch die Genauigkeit der Setzungen der Projekte seine Qualität bereits unter Beweis gestellt.

(Wien 1992)

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