KünstlerInnenporträts 04

Auszug aus einem Gespräch mit Jeff Koons

AutorInnen
Jérôme Sans

Sie waren in den letzten Jahren jener bildende Künstler der Gegenwart, der am meisten durch die Medien ging. Vor allem, seit Sie mit Cicciolina verheiratet waren und mit ihr einen Sohn haben. Gibt es für Sie noch eine Grenze zwischen Kunst und Leben?

Ich versuchte, Kunst und Leben zu einer einzigen Sache zu machen. Das führte mich dazu, den Menschen zu zeigen, daß es genügt, clever zu sein im Leben.

Das hatten Andy Warhol und die Pop Art auch schon zu zeigen versucht.

Ich sah mich, Jeff Koons, nie als Nachfolger oder Sohn von Andy Warhol. Eher schon als den Sohn von Michelangelo! Ich habe mehr Tricks in meinem Sperma als Andy.

Sie haben ein besonders enges Verhältnis zum Erfolg?

Ich habe den Erfolg niemals aus anderen Gründen gewollt als mit dem Ziel finanzieller Unabhängigkeit. Ich will ein freies Leben haben. Freizeit ist mein oberstes Prinzip. Ich bin einfach am glücklichsten, wenn ich ausspanne, und tue alles, um mir das leisten zu können.

Sie sagten einmal, Sie würden ein bewußt enges Verhältnis zu den Medien suchen, da die Medien heute die Realität ausmachen. Haben Sie sich mit den gängigen Themen Ihrer Werke – Kitsch, Sex, Ihre Heirat mit Cicciolina – nicht an die Medien verkauft?

Ich habe den Gipfel der Heuchelei erreicht und wurde von daher als Künstler interessant. Etwas anderes als Heuchelei kennen die Medien nicht.

Als Sie mit Cicciolina verheiratet waren, bestanden Ihre Werke – als fotografische Großbilder, Holzskulpturen und Glasbläserarbeiten – unter anderem aus Wiedergaben des Geschlechtsaktes mit Ihrer Frau. Sehen Sie eine Grenze zwischen Sex und Pornographie?

Sex und Liebe sind für mich Wege, um die Ewigkeit zu erahnen. Pornographie kann diese Funktion auch erfüllen, wenn sie sich auf die gleiche Wurzel bezieht.

Ihre große Obsession scheint zu sein, Kunst im Medienzeitalter für jedermann verständlich zu machen. Sehen Sie ähnlich wie Andy Warhol oder Joseph Beuys eine gesellschaftspolitische Funktion für die heutige Kunst?

Ich glaube, daß Kunst in früheren Jahrhunderten eine bedeutende Rolle für die Gesellschaften spielte. Die Kunst sollte es wieder schaffen, eine Leitfunktion auszuüben und zu einem wirklichen politischen Wert für die große Masse zu werden. Künstler sein heißt, die Wünsche der Leute zu spüren. Das ist immer sehr politisch. Seit dem Zeitalter des Barock und des Rokoko hat die Kunst dies jedoch verlernt. 

Ihre künstlerischen Arbeiten werden – ob in Museen oder Galerien – aber von einer Elite wahrgenommen und gekauft?

Ich habe immer darauf geachtet, daß mein Werk alle sozialen Grenzen durchbricht. Selbst wenn jemand nichts von der Kunstgeschichte und der Geschichte der modernen Kunst weiß – er versteht dann noch das Wesentliche, daß es bloß darauf ankommt, ein Schlitzohr zu sein und seine eigene Herkunft und Vergangenheit zu akzeptieren. Das ist ja unsere einzige Wurzel in der heutigen Welt. Es sind wirkliche Werte, die ich den Menschen vermittle.

Eine Ihrer Werkgruppen heißt „Luxus und Niedergang“. Zieht Sie Luxus an?

Luxus ist für mich eine Form von Niedergang, wie Alkohol. Man benützt das Bild vom „Luxus“, um die Massen abhängig zu machen, um ihnen ihre politische und wirtschaftliche Kraft zu entziehen.

Wollen Sie als Künstler ein Führer oder Lehrer der Massen werden?

Nein. Ein politischer Propagandist.

Was halten Sie von den wirklichen Politikern?

Ich glaube, ich bin der einzige wirkliche Politiker. Ich bin sehr froh, daß mein künstlerisches Werk wie ein Popmusik-Video in allen Weltkulturen unterschiedslos ankommt. Mein Ziel bestand darin, Kunst zu machen, die auf dem Globus verstanden wird. Da muß man sein Ego sehr zurücknehmen: Ich bin für jeden derjenige, den er sich vorstellt.

Ist das nicht auch sehr amerikanisch?

Nein. Es ist global. Kunst ist heute Kommunikation. Leute, die noch sagen, Kunst sei etwas grundsätzlich Anderes, wollen sie als eine exklusive Aktivität der gehobenen Gesellschaft bewahren. Mein Traum war immer, eine Kunst zu schaffen, die wieder die Funktion der „Heiligen Herzen-Bilder“ von Jesus Christus oder des „Heiligen Grals“ übernimmt. Seit meinem großen l'uppy-Hund aus Rosen für die „documenta 9“ in Arolsen bei Kassel 1992 arbeite ich daran.

Sie bewundern das Rokoko und das Barock?

Rokoko, Barock und Kitsch haben mit den Bedürfnissen der Leute zu tun, mit der Suche nach einem Gleichgewicht. Deshalb verliebte ich mich auch in Ilona. Ich sah ein Foto von ihr im „Stern“ vom Jänner 1988, und dann wieder auf einer Autobahn in Italien. Da kam es mir wie mit einem Blitzschlag: Ich wollte in diese Fotos rein. Ich rief sie an, und zwischen uns ereignete sich eine biologische Anziehung.

Die berühmte Cicciolina machten Sie dann zu einem Modell für Ihre Bilder und Skulpturen...

Ilona ist viel komplizierter als ich. Ich habe eine normale amerikanische Vergangenheit, ich habe die Kunsthochschule besucht und mich immer in der Hochkultur bewegt. Sie bedeutet für mich Massenkultur. Ich wollte ja auch zu möglichst vielen Leuten sprechen. Und sie war für mich ein Symbol der Fruchtbarkeit; wir haben dann ja auch ein Kind gemacht.

Was bedeutet dieser Sohn für Sie, um den Sie jetzt mit Ihrer Ex-Frau streiten?

Eine biologische Skulptur.

Es gibt Leute, die Ihr Werk als moralischen Appell im Mantel des Zynismus sehen.

Meine künstlerische Arbeit hat mit Moral nichts zu tun. Ich suche, das Leben zu erfassen, es zu bejahen und es möglichst weit auszudehnen. Deshalb liebe ich Michelangelo und das Barock – dieses Fest der Muskeln. Und der überlebensgroßen Brüste. Das läßt jedermann spüren, was Leben ist. Ich hoffe, daß ich als Künstler den Leuten ein Gefühl dafür eröffne, was ihre eigentlichen Wünsche sind. Und ich hoffe auch, daß niemand, der ein Bild oder eine Skulptur von Jeff Koons sieht, das Gefühl hat, da doziert jemand von oben herab. Ich bin auf der gleichen Ebene wie die normalen Leute.

(Textfassung: Robert Fleck; publiziert in: Der Standard, 23.11.1994, S. 12)

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