KünstlerInnenporträts 14

Auszug aus einem Gespräch mit Jan Knap

AutorInnen
Hector Obalk

Vor wievielen Jahren begannen Sie Ihre „Bilder der Heiligen Familie“, die ja ein reichlich ungewöhnliches Bildsujet für zeitgenössische Kunst darstellen?

Vor etwa zwölf, dreizehn Jahren. Zunächst waren sie von harten Konturen geprägt, wie Karikaturen.

Heute sind diese Bilder sehr koloristisch, von der Raumsuggestion durch differenzierte Farbgebungen geprägt.

Das war eine langsame Entwicklung.

Gab es dafür einen Auslöser?

Ja: Meine Trennung von der Künstlergruppe „Normal“ im Jahr 1985. Wenn Sie sich aus einer kollektiven Arbeitsform lösen, bemerken Sie plötzlich, daß Sie alleine sind mit sich und Ihrem Stil. Das versucht man dann in die Hand zu bekommen. Doch beherrschte ich damals die Malerei nicht in allen ihren Besonderheiten und Details. So kamen diese Bilder damals auch vornehmlich aus einer persönlichen Notwendigkeit. Die Bilder waren zunächst sehr stilisiert, vielleicht auch deshalb, da ich anfangs gar keinen Raum darstellen konnte. Das lernt man als zeitgenössischer Künstler ja heute nicht. Man muß es sich durch langsame Übung selbst beibringen.

Im 19. Jahrhundert wußten junge Künstler schon mit 17 Jahren, wie man das macht.

Ich entdeckte erst vor zehn Jahren, mit 35, wie das Zusammentreffen warmer und kalter Töne derselben Farbe Raum suggeriert. Das war für traditionelle Künstler früher selbstverständlich, sie kannten aber auch nur diese Rezepte der akademischen Malerei. In der modernen und zeitgenössischen Kunst wurde das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten ungleich breiter, dafür muß man auch manche Dinge wieder neu erlernen. 

War die Abkehr von den stilisierten, karikaturähnlichen Darstellungen dann ein bewußter Akt?

Nein. Ich begann allmählich, wirkliche Gegenstände aus dem Umraum darzustellen. Das galt vor zehn Jahren – ebenso wie die Verwendung eines „biblischen“, scheinbar religiösen Bildthemas wie der Heiligen Familie – als derart „unmöglich“, als derart extremistisch, daß ich mir sagte, wenn hier der größte Widerstand herrscht, dann muß ich diesen Weg weitergehen.

Beziehen Sie sich dabei nicht auch stark auf das Gedankengut des Alten Testaments?

Nein, nur auf das Neue Testament. Am Ursprung stand das Verlangen, Jesus zu malen. Ein Mönch, dem ich eines meiner ersten figurativen Bilder schickte, schrieb mir zurück: „Aber Ihr Christus muß jetzt wachsen. Wann malen Sie Christus als Erwachsenen?“ Doch mich interessiert gerade das Kindliche – die Idee der Unschuld.

Sie verwenden und verfremden dabei viele Motive und Bildsujets aus der Renaissance.

Mich interessiert tatsächlich das 15. Jahrhundert überaus. Als die Menschen begannen, die Natur und die Dinge ihrer Umgebung zu beobachten und dementsprechend empirisch wiederzugeben, aber nicht an die emblematischen, mit transzendenten Bedeutungen versehenen Darstellungsformen glaubten. Ich bin weder Philosoph noch Historiker, denke aber, daß es sich dabei um einen Schlüsselmoment unserer Zivilisation handelt.

Zuvor aber hatten Sie bereits über Jahre hinweg im Sinne der modernen und zeitgenössischen Kunst gearbeitet?

Ich hatte 25 Jahre Malerei hinter mir und machte Dinge, die man als Künstler in den sechziger und siebziger Jahren eben tat. Ich hatte in Prag als Jugendlicher Gemälde des Spaniers Antonio Saura gesehen und stürzte mich in den Expressionismus, mit imaginären Porträts. Dann studierte ich nach 1968 in Düsseldorf und war von diesem Purismus umgeben, der damals die westdeutsche Kunst prägte. Mit 22 oder 24 ist man noch nicht imstande zu sagen: „Das führt nicht weiter.“ Und obgleich ZERO oder Heinz Mack nicht genau meine Sache waren, malte ich geometrische Bilder. Aber schon als ich die Kunsthochschule verließ, sagte ich mir, wenn das die Kunst ist, interessiert es mich eigentlich nicht mehr.

Auf Ihren Bildern sind oft Spielzeuge zu sehen, Kinder, Wolken im Himmel und detailfreudig wiedergegebene Häuser. Dennoch sagen Sie, sie verstünden sich als abstrakten Maler. Was meinen Sie damit?

Obgleich ich nicht die geläufige Formensprache der Moderne nütze und meine Bilder als „gegenständlich“ gelten, male ich aus keinem anderen Beweggrund als einem Verlangen nach Abstraktion. Meine Figuren sind immer abstrakt, oder schematisiert wenn Sie so wollen. Ich male nie einen bestimmten Stuhl, sondern den Stuhl schlechthin. Das Kind ist nie ein individuelles Kind, sondern der Begriff „das Kind“.

Ich glaubte aber verstanden zu haben, daß Ihre Gruppenbilder der Heiligen Familie sich aus einem bewußten Bruch und einer Abkehr von der modernen und zeitgenössischen Kunst verstehen.

Das wäre eine überzogene Behauptung. Ich denke, daß meine Bilder an all dem teilhaben, was seit Cézanne die Entwicklung der Kunst bestimmt. Wenn ich nicht sehr heiß darauf bin, die moderne Formensprache zu teilen, dann nur, weil ich zu sehen glaube, wie leer letztlich die Extreme sind, in denen man sich zu gerne verliert.

Würden Sie gerne ein „klassischer Maler“ genannt werden?

Das Klassische ist heute wieder eine tragfähige Idee, auch wenn nur wenige Leute wissen, was das Wort bedeuten soll. Ich würde es als ein Kompliment erachten. Auch in dem Sinn, daß eine manuelle Tätigkeit eine bedeutende Rolle spielt. Ohne handwerklichen Anteil an der Kunst können Sie vieles nicht verstehen. Wenn die Leute aufhören, Dinge mit der Hand zu machen, verkümmert eigenartigerweise auch das Gehirn.

(Textfassung: Robert Fleck; publiziert in: Der Standard, 30.03.1995, S. 16)

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