KünstlerInnenporträts 20

Auszug aus einem Gespräch mit Franz West

AutorInnen
Eva Badura-Triska

Unter Deinen letzteren Arbeiten gibt es Skulpturen, die nicht auf Sockeln, sondern auf Kästen aus Deinem Atelier stehen. Warum?

Weil ich bei mir im Atelier, wo ich manchmal schlafe, einige Skulpturen auf den Kästen stehen habe. Die sind mir besser vorgekommen als Sockel, weil Sockel doch immer sehr an „Minimal Art“ erinnern. Der Grund war eigentlich, daß ich mich bei den Vernissagen nicht so fremd fühle und eine vertraute Umgebung bevorzuge.

Deine ersten Werke, die „Paßstücke“, hatten überhaupt keine Sockel. Wie stellst Du Dir vor, daß man sie präsentiert?

Da habe ich nicht so sehr an eine Präsentation gedacht. Die ersten waren öfters mehr als zwei Meter lang, sodaß man sie an die Wand lehnen konnte. Später habe ich allerdings kleinere gemacht, weil die praktischer zu transportieren waren. Ich habe damals meistens mit öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert und da wäre ein längeres Stück uninteressant gewesen.

Und es war es wichtig, daß die Leute die „Paßstücke“ benutzt haben?

Nein, das war nicht wichtig. Sie könnten benutzt werden. Der Besucher ist nicht aufgefordert, sondern er hat die Möglichkeit, den üblichen Rezeptionsrahmen zu verlassen. Das war eine gewisse Tendenz in den 60er oder 70er Jahren, und das Auf-die-Kästen-Stellen der Skulpturen, das bedeutet eigentlich zum „environment“-Begriff zurückgreifen. Das war eine gewisse Mode, wie ich begonnen habe. Das waren Räume, in die man hineingehen konnte, und dort sollte man dann irgend etwas machen. Ich habe das nur sehr nebulös kennengelernt, meistens auf Fotos, aber das habe ich mir als relativ ideal vorgestellt. Also nicht die Betrachtung einer Arbeit, sondern sich in einer Arbeit befinden. Ich habe an diese Situationen gedacht, die auch bei den Happenings und bei diesen ganzen Modeströmungen präsentiert wurden. 

Wozu ja auch der Aktionismus gehört hat?

Ich finde, meine Arbeiten stehen im Gegensatz zum Aktionismus. Der war natürlich sehr wichtig, aber das war furchtbar penetrant, und ich habe mir gedacht, jetzt mache ich etwas völlig Unpenetrantes. Das Wort „Partituren“ weht immer aus der Aktionistenrichtung, und es gab ja diese ganzen Auftritte, die eigentlich eine gewisse Art von „Happenings“ waren. Daß sich das „Aktionismus“ genannt hat, war, glaube ich, eher ironisch gemeint. Damals gab es die ersten Supermärkte und da hat es geheißen „Aktionskauf!“ und das war ein Rausschmeißen von Waren in großen Mengen. Ich war einmal wegen eines Drogenmißbrauchs für eine Woche in einer Zelle, und dort hat einer einen lauten Schas gelassen, und da hat ein anderer gesagt: „Das war aber eine Materialaktion!“ Das stimmt nämlich, denn im Halbstarkenjargon war eine „Materialaktion“ ein Schas, bei dem sich die Unterhose braun färbte an der Stelle, wo die Gase die Unterhose passierten. Mühl und Nitsch wohnten in einer ziemlich halbstarken Gegend, und die waren auch eher so Halbstarke, wie sie noch jünger waren und daher der Begriff „Materialaktion“. In Wirklichkeit ist es eine Art des „Happenings“, durch Gedanken von Artaud etwas aufgefrischt. 

Später bist Du wieder zum Sockel zurückgekehrt.

Schon, aber das sind alles fremde Ideen. Das ist überhaupt eine Arbeitsmethode geworden bei mir, daß ich eigentlich fremde Ideen ausführe. Die Sockel waren eine Idee von Jan Hoet (Leiter der Documenta IX). Bei einer Ausstellung in Rom, wo zum ersten Mal die Sessel präsentiert wurden, hat er gesagt: „Da gehören Sockel darunter.“ Und ich habe gesagt: „Na gut.“ Ich kann mich eh nicht durchsetzen gegen diese Meinung und außerdem finde ich sie nicht schlechter als meine Nicht-Meinung, und so habe ich sie aus Gefälligkeit genommen. Ich habe einmal ein Interview von dem verstorbenen Künstler Joseph Beuys gelesen, in dem er sagt, daß, wenn er in seinem Atelier arbeitet und ihm nichts einfällt, er wartet, bis jemand kommt und irgend etwas sagt, das er für Hinweise für seine Arbeit hält. Ich habe mir gedacht, das ist eine merkwürdige Einstellung, aber dann habe ich das selbst ausprobiert, und das funktioniert ganz gut, wenn man nicht weiß, wie man weitermachen soll, ob man weitermachen soll oder warum man weitermachen soll außerhalb der trivialen Gründe, wie daß man Geld dafür bekommt, wenn man weitermacht. Der Denys Zacharopoulos (Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien) hat zu mir gesagt, er braucht so „Fauteuils“, und das war eigentlich der Grund, warum ich dann überhaupt fälschlich „Divan“ genannte „Fauteuils“ gemacht habe. Ich konstruiere nicht aus einem Leeren heraus in eine Welt hinein oder mir eine Welt, sondern ich stehe da vor der Welt und beantworte, so gut ich kann, ihre Anforderungen. Das ist meine Arbeitsmethode: nicht konstruktiv, sondern responsiv.

Du forderst auch immer wieder die Leute auf, Deine Skulpturen zu verändern, zum Beispiel sie zu bemalen.

Ja, weil ich in der Farbwahl sehr unsicher bin. Es begeistert mich irgendeine Idee und ich verwirkliche sie, und nach kurzem schaut das dann dermaßen ekelhaft aus, daß ich es lieber habe, wenn das wer anderer macht.

Wie ist es dann mit dem Originalbegriff?

Mit dem Originalbegriff habe ich große Schwierigkeiten. Natürlich finde ich immer, daß alles ich gemacht habe, aber wenn Leute Einwände haben und sagen: „Nein, das habe ich gemacht!“ – so kann es schon sein, daß sie Recht haben. Mir fällt das gar nicht auf, daß das die Idee von jemand anderem war. Manchmal schon, aber manchmal nicht, und das finde ich eigentlich relativ gleichgültig.

(Textfassung: Christian Muhr; publiziert in: Der Standard, 19.10.1995, S. 8)

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