KünstlerInnenporträts 05

Auszug aus einem Gespräch mit Raymond Pettibon

AutorInnen
Hudson

Als ich zum ersten Mal Zeichnungen von Raymond Pettibon sah, hat mich besonders die Kluft zwischen der Bedeutung der Bilder und jener der Worte interessiert, die in jeder einzelnen Zeichnung sichtbar wird. Entsteht diese Spaltung gezielt, oder ergibt sie sich, wenn Sie Bilder und Texte kombinieren? 

Sie ist nicht schon gleichsam in meinem Bewußtsein vorstrukturiert und damit fixer Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit. Sondern das ist mehr oder weniger die Art, wie mein Verstand arbeitet und wie sich mir die Realität präsentiert. Wenn ich mich um die Bedeutung von etwas bemühe und wir hier über Bedeutungen sprechen,so ist es mir nie gelungen, Bedeutungen direkt zu erkennen, sondern immer nur auf indirekte und umständliche Weise. Mein Ansatz verläuft einfach über Umwege.

Wenn man sich eine Pettibon Zeichnung zugleich ansieht und liest, und dort beispielsweise zwei Individuen vorkommen, so ist es typischerweise völlig unklar, wer welchen Text sagt. Die Zeichnung kann dadurch sehr unterschiedlich gelesen und verstanden werden. Damit erlauben Sie dem Betrachter die größte Freiheit in der Auswahl an Interpretationsmöglichkeiten.

Ja und vor allem erlaube ich mir selbst die ganze Breite an Möglichkeiten. Denn ich glaube nicht, daß es normalerweise eine ganz strenge Linie in meinem Denken gibt. Es ist aber auch so, daß diese ganzen verschiedenen Stimmen alle mir gehören. Ich neige nicht dazu, tiefschürfende Gedanken oder besondere Meinungen zu irgendeinem Thema zu haben und es ist mir auch nicht wichtig, irgend etwas Eigenes auszudrücken. Und wenn ich es täte, dann wären das viele verschiedene Versionen innerhalb von einer Seite oder einer Zeichnung. Ich habe dann immer versucht, so viel wie möglich zu sagen oder Bedeutungen soweit als möglich zu öffnen. Wenn ich dabei einen Satz oder einen Ausdruck aus der Einheit eines Absatzes herausnehme um ihn dadurch aufzubrechen, so hat das mehr mit meiner ästhetischen Vorstellung zu tun.

Ich denke, es gibt einen Bereich der selten angesprochen wird im Bezug auf Ihre Arbeiten, nämlich die Literatur. Normalerweise suchen die Leute Bezüge zur Sparte der Comics, die nur äußerst marginal sind. Darüberhinaus sind die Traditionen, für die sich Ihr Werk interessiert viel historischer. Ihr Interesse für Literatur scheint erst noch diskutiert zu werden.

Comics hatten überhaupt nie wirkliche Bedeutung für mich. Was den Zeichenstil betrifft, so habe ich von Leuten wie Milton Caniff gelernt; oder einfach vom Illustrationsstil der Comics. In visueller Hinsicht hat mein Werk nicht wirklich viele persönliche Charakteristika und das ist nicht nur auf dieses Feld beschränkt. Normalerweise fange ich mit einem ganz allgemein als „illustrierend“ zu bezeichnenden Stil an, aber daraus entsteht nur eine Gliederung für das Schreiben, die nicht für sich alleine stehen kann. Damit erschöpft sich schon die ganze Bedeutung, die das für mich hat, denn Comics als Inspirationsquelle oder ähnliches existieren für mich nicht. Es fällt mir sehr schwer Comics überhaupt zu lesen und meistens schaffe ich es einfach nicht.

Haben Sie eine Kunsthochschule besucht?

Nein.

Was haben Sie dann studiert?

Meinen Abschluß habe ich in Ökonomie gemacht. Wir hatten eine Rock-Band mit dem Namen „The Deregulators“. In diesem Bereich galt es als Frontalangriff, eine Rock-Band zu gründen.

Was hat Sie an der Wirtschaft interessiert?

Ich glaube, daß die Ökonomie die relevantere Form der Psychologie ist, denn die Menschen sind hauptsächlich „ökonomische Wesen“. Deshalb sind die Wirtschaftswissenschaften für mich die primäre Sozialwissenschaft und haben sehr große Wichtigkeit für viele Bereiche. Als ich mich dafür interessierte, war ich noch sehr jung und schon zum Zeitpunkt der Inskription am College hatte ich mich bereits davon entfernt und das Interesse verloren und spätestens zu Beginn der „Ära Reagan“ hatte sich das für mich als Sackgasse erwiesen. Meine eigentliche Ausbildung ist eine mehr literarische.

Wann haben Sie angefangen zu zeichnen?

Ich habe schon immer gezeichnet, so wie Kinder eben zeichnen, aber wahrscheinlich nicht mehr und nicht anders als andere. In meinem reifen Stil würde ich sagen, zeichne ich seit 1987.

Und kommt in Ihren Zeichnungen immer Text vor?

Ja, ich mache kaum Zeichnungen, die keinen Text haben. Das war immer schon so und dieses Verhältnis ist bis heute ungefähr so geblieben.

Dennoch machen Sie manchmal auch Arbeiten auf Papier, die nur aus Text bestehen, wie zum Beispiel ein Werk, das in der Ausstellung in der Galerie Metropol, zu sehen war und das auch die Rückseite des Kataloges bildet. Ich glaube es heißt dort „Ich werde immer an Dich denken“. Ich finde, das ist ein sehr feines Spiel mit der Tatsache, daß normalerweise ein Betrachter ein Kunstwerk ansieht und dann später versucht, sich daran zu erinnern. Hier ist es umgekehrt: das Kunstwerk erinnert sich vermeintlich an den Besucher! 

Diese Arbeit ist ein wenig zu offensichtlich und wohl nicht eine meiner besten Zeichnungen. Aber ich glaube sie paßt in den Zusammenhang der gesamten Ausstellung. Ich müßte noch darüber nachdenken, ob sie wirklich so wie andere Arbeiten für sich allein stehen kann. Häufig kann ich dem nicht mehr nachspüren, was ich mir gedacht habe, als ich etwas gemacht habe. Manchmal fällt es mir wieder ein und ich sehe das dann in einem anderen Licht. Dabei brauche ich auch oft die Hilfe von anderen Leuten, denn durch das was sie sich denken, fällt es mir wieder ein. Daraus können sich dann ganz neue Betrachtungsweisen ergeben.

(Textfasssung: Christian Muhr; publiziert in: Der Standard, 11.04.1996, S. 6)

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