KünstlerInnenporträts 03

Auszug aus einem Gespräch mit Andrea Fraser

In Ihrer Arbeit als Künstlerin beschäftigen Sie sich sehr mit der Frage, wie Kunst vermittelt wird. Sie sind ihr zunächst mit den „Gallery Talks“ nachgegangen. Könnten Sie diese Touren ein wenig beschreiben?

Ich habe ungefähr vier „Gallery Talks“, das sind Performances in Form von Führungen durch Galerien und Museen, durchgeführt. Die ersten beiden waren 1986 und für Ausstellungen in New York konzipiert; einmal für ein Museum und einmal für einen Ausstellungsort, der von Künstlern betrieben wird. Einige Jahre später habe ich noch spezifischer über die Geschichte der Kunst-Museen in den USA gearbeitet und ein Video einer Museumsführung gedreht, u.a. im Philadelphia Art Museum, das eine Art enzyklopädisches Museum ist. In den USA ist es ziemlich häufig, daß Museen ein Team von Leuten beschäftigen, die meistens Volontäre und Frauen sind, um Führungen in Museen zu machen. Sie werden „Dozenten“ genannt und von der „Abteilung für Bildung“ geschult.

Glauben Sie, daß diese Leute die Sprache ihres Publikums sprechen?

Das läßt sich schwer beurteilen, da jedes Publikum viele unterschiedliche Sprachen spricht.

Museen spielen in der Vermittlung von Kultur eine zentrale Rolle und sind gerade in den USA häufig private Gründungen. Wie wirkt sich dieser Zusammenhang aus?

In den USA, und ich glaube, das läßt sich auch von den meisten Museen anderswo behaupten, die sich mit moderner und zeitgenössischer Kunst beschäftigen, besteht ein grundlegender Mechanismus von Kunst-Museen darin, private Kultur, die man auch als „bourgeoise Kultur“ bezeichnen könnte, in öffentliche Kultur zu verwandeln. Das sieht man sehr deutlich in den USA, wo viele Museen durch Räume strukturiert werden, die bestimmte Perioden repräsentieren sollen und dabei eher den privaten Einrichtungen der Sammler und Stifter entsprechen, als dem Interieur einer Epoche, und die daher keine strenge historische Ordnung haben.

Wie funktioniert diese Transformation von privater in öffentliche Kultur genau?

Was Museen primär leisten, ist diese Verwandlung einer privaten Kultur, mit der sich eine Klasse definiert, in öffentliche Kultur. Das passiert zunächst durch die Verlagerung aus einem Haushalt in ein Museum, dann vor allem aber durch die Einführung von Systemen der Klassifizierung und Kriterien der Bewertung, wodurch bestimmte Objekte bestimmte Bedeutungen erlangen. So werden Kunstwerke von anderen Objekten der übrigen privaten Sphäre getrennt und erhalten damit ihre soziale Bestimmung. Die Einführung dieser Systeme der Klassifizierung und Kriterien der Bewertung geschieht in Museen durch Formen und Praktiken, die ich „erzieherisch“ nennen möchte, auch wenn sie für die Organisation des Museums nicht im strikten Sinne „pädagogisch“ sein mögen. Dennoch werden sie eingeführt und angewendet und zwar in Form von zusätzlichen Materialien, die Museen produzieren, um damit Kunstwerke zu vermitteln, wie Führungen, Saaltexte, Erläuterungen oder Poster. Das sind auch die Formen, mit denen ich arbeite oder in der Vergangenheit gearbeitet habe. Dasselbe geschieht auch durch das Arrangieren und Auswählen der Objekte und passiert beim Aufbau einer Sammlung, die immer durch Ausschluß entsteht, durch das, was außerhalb der Sammlung ist.

Wie unterscheidet sich Ihre künstlerische Praxis von z.B. einer pädagogischen Tätigkeit?

Meine generelle Vorstellung davon, was es heißt, Kunst zu machen oder was ich für meine künstlerische Praxis halte, ist der Versuch, funktionale oder affektive Interventionen in den Kontext zu setzen, in dem ich selbst funktioniere. Kontext meint für mich primär Beziehung oder ein Set von Beziehungen. Im Falle der Museumsführungen sind diese Beziehungen meine Beziehung zur Institution, das Verhältnis zwischen Publikum und Institution und die Beziehung des Publikums zu mir als Künstlerin oder als „Dozentinô, wenn ich mich als solche präsentiere. Für mich ist künstlerisches Arbeiten eine Art von sozialer Praxis; eine soziale Aktivität, die sich von der Auffassung von Kunst als einer spezialisierten Tätigkeit der Herstellung spezieller Objekte stark unterscheidet. Die soziale Aktivität, mit der ich es hauptsächlich zu tun habe, sind Formen von Erziehung und Bildung. Wenn ich also in Museen arbeite, thematisiere ich speziell die Art und Weise, wie Museen dem Publikum Kunst beibringen. Diese Performances funktionieren auf dieselbe Weise wie die Museen; sie sind eine Art öffentlicher Unterricht über ein relativ autonomes und eng definiertes Feld, das sehr abgehoben oder getrennt ist von der alltäglichen Erfahrung mit Kultur im Leben der meisten Leute.

Diese Gebundenheit an den jeweiligen Kontext betrifft ja nicht nur die Institution Museum, sondern gilt für jedes ausgestellte Objekt, für jede Erfahrung, die man dort machen kann?

Für mich geht es in der Beziehung zur Kultur und ihren Objekten grundlegend um das Verhältnis zur eigenen Geschichte, genauer gesagt zur eigenen Familiengeschichte, denn das ist die Kultur, die sich in der privaten Umgebung ausdrückt, in der man einst aufgewachsen ist. Dann um das Verhältnis zur kollektiven Geschichte, soweit sich diese in der Kultur niederschlägt. Außerdem auch um das jeweilige Verhältnis, das man zur Gegenwart hat, die einen sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich umgibt. Schließlich um das Verhältnis, das man zu seinem Körper hat, und das sich in Moden und anderen Formen der Selbstdarstellung ausdrückt. Diese sind natürlich Teil der Kultur, denn letztlich hängt der Geschmack, der das Verhältnis zu Kunst und Kultur bestimmt, mit dem Geschmack zusammen, der sich in der eigenen Selbstdarstellung ausdrückt.

Sie haben immer wieder Kunstinstitutionen analysiert und zwar durchaus im psychoanalytischen Sinn, wie sie das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit organisieren. Hat diese Analyse auch ein „therapeutisches“ Ziel?

Was mich bei der Arbeit mit Museen interessiert, ist eine Art von Gegengewicht zur Pädagogik des Museums zu schaffen. Vielleicht läßt sich in diesem Umfeld eine Situation einrichten, die es erlaubt, andere Formen des Verständnisses von Kultur und Kunst zuzulassen. Und zwar nicht nur aus meiner Perspektive, sondern auch aus der Sicht der Leute, die in Museen gehen und vielleicht außerhalb der Tradition stehen, in der ich arbeite. So glaube ich zum Beispiel, daß Menschen Kunst nicht nur verstehen können, wenn sie sich mit den Intentionen der Künstler auseinandersetzen, sondern auch dadurch, welche sozialen Erfahrungen sie dabei machen.

(Textfassung: Christian Muhr; publiziert in: Der Standard, 20.02.1995, S. 20.)

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