KünstlerInnenporträts 21

Gespräch mit Hans-Peter Feldmann

AutorInnen
Kathrin Messner

Kathrin Messner: Eine sehr allgemeine Frage: Wie sehen Sie die Position des Künstlers in unserer Gesellschaft?

Hans-Peter Feldmann: Besser als je zuvor, eigentlich. Kunst ist heute anerkannt, Künstler werden respektiert, nicht unbedingt verstanden und nicht unbedingt sehr ernst genommen, aber sie werden mehr respektiert als früher – als zu meiner Jugendzeit noch. Ich finde, da hat sich schon einiges zum Positiven gewandelt. Vielleicht noch nicht genug, aber es ist schon einiges passiert, wie ich – im Vergleich zu vor dreißig Jahren vielleicht – sehe. In der Beziehung, glaube ich, kann man zufrieden sein.

KM: Haben Sie auch das Gefühl, daß sich die Gesellschaft vergrößert, die sich für Kunst, für Gegenwartskunst interessiert? Daß es mehr werden?

HPF: Das glaube ich nicht, nein. Es ist immer noch ein bestimmter Prozentsatz, der ziemlich gleichbleibend ist in meinen Augen. Was auch bemerkenswert ist: Früher gab es die Kunst an sich, wie es auch heute noch verstanden wird, und die Volkskunst, die auch sehr ausgeprägt war, sei es in den Bemalungen der Möbel in den Wohnungen, der Häuser oder auch Gewänder und Schmuck... Die heutige Volkskunst ist noch immer vorhanden, nur ist die heute in der Hand von Konzernen und von Medien, die daraus auch ein Geschäft machen, die sich sehr genau informieren, oder die sehr genau herausfinden, was die Bevölkerung gerne hätte, was sie haben möchte, und daraufhin genaue Angebote anbieten, vorwiegend in den Medien, natürlich auch im Fernsehen. Das Fernsehen ist in meinen Augen ein Teil der Volkskunst. Da werden genau die Dinge gesendet, die die Leute sehen wollen. Nicht das, was irgendwie jetzt von bestimmten Leuten, die Übersicht haben, empfohlen wird, sondern nur das, was von der Bevölkerung gesehen werden möchte. (...)

KM: Was glauben Sie, können Künstler heute bewirken?

HPF: Ein Künstler kann immer erstmal nur was für sich selbst bewirken. Das ist auch seine Aufgabe, er muß selbst irgendwie versuchen, sich durch seine Arbeiten in die Reihe zu kriegen oder seine Position zu finden. Wenn es dann auch gelingt, daß andere Leute, die ähnliche Probleme oder Fragestellungen haben, da etwas für sich ablesen können, dann ist schon sehr viel gewonnen. Wie viele das sind, hängt von dem Künstler und von dem Thema ab. Ich habe eine Bekannte gehabt, die für Kunst kein Interesse hatte, überhaupt nicht. Die geht gelegentlich in Museen, wie sie in den Zoo geht und wie man in die Oper geht – einfach um irgendwie sich kulturell einmal zu betätigen und zwei Stunden am Wochenende irgend etwas zu tun, was in diese Richtung geht. Sie war in einem Museum und hat Ruthenbeck, die Ruthenbeck-Aschehaufen und Papierhaufen gesehen... und da mußte sie raus, sie mußte sich übergeben, weil es sie so betroffen gemacht hat, daß sie wirklich körperlich extrem reagiert hat. Das ist nur ein Beispiel, das echt sehr extrem ist, aber ich glaube das schon, daß sehr viele Leute durch Begegnung mit Kunst einiges erleben und auch bei ihnen einiges bewirkt wird. Auf ganz verschiedenen Ebenen der Kunst – das können also die Katzenmalerinnen sein, die in Volkshochschulen ausstellen, und es kann irgendwelche anerkannte Kunst sein, die in den großen Museen gezeigt wird. Es gibt sicherlich immer wieder sehr viele Reaktionen von den Betrachtern auf diese Dinge in allen Arten der Kunst; bildende Kunst, darstellende Kunst, Literatur, und so weiter und so weiter.
Ich werde Ihnen sagen, viele Dinge haben eine Art Magie, manchmal haben sie es, nicht immer. Und vor allem Bilder natürlich. Bilder sind etwas sehr Magisches – wir erkennen da Dinge drinnen, die gar nicht zu sehen sind. Ein Bild ist nur Papier und Farbe darauf, ausschließlich. Ob man es umdreht oder auf den Kopf stellt oder wie auch immer – es ist unerkenntlich. Daß diese Bilder eine Magie ausüben, weil wir da wieder was sehen, was wir irgendwann einmal erlebt haben und uns erinnern, ist klar, aber es können auch Dinge sein, die eine ähnliche Wirkung hervorrufen. Für mich sind Stühle sehr beeindruckend, also ich finde, daß Stühle irgendwas haben, was mich auf einer anderen Ebene trifft als auf der normalen, rationellen Ebene. Ich mache auch sehr oft Bilder von Stühlen oder...

KM: ...die Form der Stühle und die Funktionalität der Stühle?

HPF: Das glaube ich gar nicht einmal. Das ist irgendwie eine Erinnerung bei mir an Stühle, die immer noch da ist – ich weiß nicht, was immer dahinter steckt, das ich nicht verstehe. Jedenfalls, es können Bilder sein, es können Objekte sein, es können auch irgendwie, weiß ich... es können Geräusche sein, Gerüche sein. Das ist glaube ich offen, das ist bei jedem auch anders, da hat jeder seine eigenen Dinge im Kopf, die ihn beschäftigen, die da auch abgerufen werden können und die durch Kunst – weiß ich wie – oder was auch immer nach vorne geholt werden können, bewußt gemacht werden können. Ich habe früher gemalt, sehr große Bilder gemalt, und die waren sehr schwer zu transportieren. Also habe ich von diesen Bildern Fotos gemacht und dann die Fotos gezeigt. Die Wirkung war eigentlich die gleiche wie die der Originalbilder. Und warum kann denn nicht die Beschreibung irgendeiner Sache das gleiche hervorrufen, wie das wirkliche Ansehen der Sache?
Ich meine, das ist ja eh alles – abstrakt gesehen – nie die Wirklichkeit. Wenn wir irgend etwas sehen, und wir sehen anscheinend einen Tisch, ist das kein Tisch, es ist einfach Holz in gewissen Richtungen verleimt oder verschraubt, und wir machen daraus etwas. Wenn Sie den umdrehen, ist es ein Gebilde, das Sie wiedererkennen würden. Auch wenn es in irgendeinem Hof in der Ecke liegt, ist es lange kein Tisch mehr. Es ist nur dann ein Tisch, wenn wir daraus einen Tisch machen wollen, wenn wir daran sitzen wollen, daran arbeiten wollen. Es geht mit allen Dingen so. Die Zigarette hier ist jetzt was, das ich rauchen möchte und wo ich etwas daran genießen möchte. Aber nur in diesem Moment. Gleich ist es irgendwie Asche und nur noch eine Kippe, aber vorher war sie ein Handelsobjekt. Die Dinge verändern sehr oft ihre Eigenschaften – ihre Eigenschaften nicht, aber ihren Status – nur auf Grund unserer Anschauungsweise.
Ich würde auch meinen, daß Kunst zu sammeln oder Kunst zu Hause aufzuhängen, nicht die richtige Art ist. Kunst kann man nicht als Dekoration verwenden. Das ist eine Theorie von dem Bildhauer Heerich, der würde jetzt z.B. Klee-Bilder besitzen, der würde sich hüten, die Sachen aufzuhängen. Das würde den Sachen sehr ungerecht werden. Er würde gelegentlich die Bilder herausholen, anschauen und wieder wegtun. Sie als Tapete zu degradieren wäre also eine Schändung dieser Arbeit, weil Kunst wirklich nicht jetzt, auch nicht dauernd, da sein kann. Wenn Sie gerne kochen, können Sie sich nicht dauernd kochen, sondern nur gelegentlich mal schön kochen. Natürlich gibt es Sachen, die man auch dauernd aufhängen kann, die auch nicht mehr gesehen werden, nicht mehr wahrgenommen werden – die dann wirklich eine Art Dekoration, eine Tapete werden. Man sollte mit wichtigen Sachen, glaube ich, die einem wichtig sind, egal ob Kinderzeichnungen oder ob es bekannte Werke sind, das nicht tun. Ich habe auch immer zu Hause Sachen hängen, die eigentlich belanglos sind. Deswegen sollten auch Museen, glaube ich, häufiger Wechselausstellungen machen. Manche Museen, oder viele Museen, die ihre Dauersammlungen haben – sicherlich müssen die auch gezeigt werden –, haben Riesendepots, wo das Vielfache von dem noch gelagert ist, was in den Räumen, in den Sälen zu sehen ist. Es sollte ruhig auch mal wieder häufiger der ganze Bestand ausgetauscht werden gegen das, was im Depot ist, auch wenn das schlechte Sachen sind. Sicher, die wollen ihre Highlights, für die Sie bekannt sind, natürlich auch permanent zeigen – viele kommen deswegen auch da hin. Aber Kunst gibt es in so vielen Qualitäten und Ebenen, daß da auch mal die schlechten Sachen durchaus Recht haben, gezeigt zu werden, wo auch Dinge drin sind, die sonst nirgendwo zu sehen sind, in keinem anderen Bild. Daß da also doch keine Wertung stattfinden sollte – solange es irgendwie in den Kunstbereich hineinfällt, sollte es gezeigt werden. Und langweilige Ausstellungen sind nur dann langweilig, wenn sie entweder schon zu lange hängen oder schon zu bekannt sind und nichts Neues mehr bieten – auch die Kombination nicht mehr interessant genug ist.

(Wien, August 1994)

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