There is no place like home

There is no place like home

AutorInnen
Sacha Craddock

Was ist daran so schwierig, mit lebhaften, klaren, deutlichen und scheinbar unkomplizierten Bildern und Texten konfrontiert zu sein? Irgendwie ist es schwierig, bei dieser Leichtigkeit der Assoziationen, die entmutigend direkt sind und nagend unbefriedigend bleiben. Aber so lächerlich einfach, wie es zu sein scheint, Bedeutungen zu konstruieren, so offensichtlich wird sofort die Auflösung der vielfältigen Zusammenhänge zwischen Bildern und Wörtern. Sechs Personen sagen hier sechs verschiedene Dinge. Der/die BetrachterIn kann sich sofort einbilden, alles Gesagte zu verstehen und worum es in der Geschichte geht und woher jede dieser Personen kommt. Die Kombination von Porträtfoto und Text-Statement, die in der Kunst und der Werbung so geläufig ist, beweist, dass der Blick, auch ohne akustische Unterstützung, immer noch ein wirkungsvoller Transportweg für Instant-Botschaften ist. Die Leute sprechen mit einer gewissen Vehemenz, der Betrachter sieht, was gesprochen wird. Was aber hören wir wirklich? Wird von allen dasselbe verstanden?

Konstant ist, von formalen Ähnlichkeiten abgesehen, dass von einem Zuhause die Rede ist. Aber das kann, aus den verschiedensten Gründen, woanders sein. Es kann hier sein, aber jeden anderen trifft die Vorstellung, dass es nicht hier ist. Das Zuhause kann vielleicht ein Land sein, und dann gibt es noch – die Heimat. Was Ken Lums Überlegungen in Gang setzt, ist die Tatsache, dass ein Zuhause – Haus, Wohnung, Platz, Raum – beides sein kann, unglaublich nah hier am Ort, unter unseren Füßen, und zugleich woanders, weit weg. Leute, die weit weg von zuhause leben und sich anderswo ein Heim aufbauen, haben oft Mühe, zu entscheiden, was nun welches ist. Die gegenwärtige Diskussion um den Begriff der Identität zieht in Betracht, dass Erfahrungen und Einflüsse im Leben jedes Menschen vielfältig vermischt erscheinen, und berücksichtigt auch die Tatsache, dass die Herkunftslinien auch früherer Generationen in vielen Fällen unterbrochen sind.

Sogar im familiären Bereich führt die Tatsache des Weggehens zu grundsätzlichen Fragen. So entspricht es beispielsweise der Tradition, dass das Zuhause zuerst das der Eltern ist und die Kinder dann woanders hingehen. Länder werden zu neuen Heimaten, genauso wie Stiefeltern ein neues Heim schaffen können. Menschen, die anders aussehen, werden unweigerlich danach gefragt, woher sie kommen. Ein junger Mann sagt uns, dass er unsere Ansichten über die Immigration satt hat: „Hier ist auch unsere Heimat.“ Würde diese Arbeit, die Ken Lum für die Stadt Wien geschaffen hat, auch anderswo funktionieren? Oder gibt es da etwas Besonderes, sodass sie sich nur für diesen Ort eignet?

Das Mädchen mit dem Hut befindet sich, so scheint es, auf Besichtigungstour. Die Aussicht öffnet sich hinter ihr, und ihr Verstand befindet sich offensichtlich in jenem glückseligen Zustand, den das Sightseeing auslösen kann, die Gewissheit, nicht hier bleiben zu müssen.

Was ist das in uns, das so ziemlich gewaltige narrative Brocken auf eine so dünne Kette aus Hinweisen zu projizieren vermag? Warum geht das so schwer, wirklich zu beschreiben, was man sieht? Wie auch immer, das enthusiastische Mädchen mit Hut scheint zu glauben, dass sie begreift, wo sie ist. Wahrscheinlich reist sie mit leichtem Gepäck und bildet sich ein, den Durchblick zu haben. Das wird der Grund sein.

Genau wie das Mädchen mit Hut können auch wir logische Geschichten auf diese Personen projizieren. Ihre Verschiedenheit muss für Ken Lum wichtig gewesen sein. Es ist schwierig, aber von wesentlicher Bedeutung, eine Kette von Permutationen zu schaffen, bei der jegliche Befangenheit angesichts rassischer Unterschiede, wie sie in der Werbung immer wieder zu spüren ist, vermieden wird. „Das ist auch unser Zuhause“, „Ich fühle mich hier nicht zuhause“, „Das ist, verdammt nochmal!, kein Zuhause“. Man kann sich vorstellen, warum das ein gottverdammtes Zuhause ist, Wirklichkeit und Phantasie lassen sich da nicht mehr trennen: ein Paar, vielleicht gezwungen, eine Wohnung in einem baufälligen Haus zu beziehen. Sie will es nicht einsehen und beklagt sich emphatisch und voller Abscheu. Der Text, eine Art simpler Sprechblase, zerfällt in unseren Vermutungen.

Ken Lums 540 m2 großes, in einem digitalen Druckverfahren hergestelltes Bild, das die ganze Fassade der Kunsthalle verdeckt, ist optisch sehr wirkungsvoll, aber soll man länger davor stehen bleiben, um es zu lesen und zu verstehen? Die Arbeit befindet sich im Freien, im öffentlichen Raum an einer viel befahrenen Hauptverkehrsstraße im Zentrum von Wien. Das ist nicht das Interieur einer Galerie, und so muss diese Arbeit beinahe kunstlos erscheinen, um die gewünschte Wirkung zu haben. Die Attraktivität der Fotos verdankt sich einem Sinn für Realität und Realismus, trotz der Tatsache, oder vielleicht auch deswegen, dass der Künstler niemals diesen Eindruck von direkter Rede und Tatsächlichkeit zu vermitteln in der Lage wäre, würde er ihn nicht erst einmal mühsam konstruieren, orchestrieren und vorausplanen. Seine Arbeit will genauso im Moment erfasst werden wie das Werbeplakat, das, kaum wahrgenommen, ins Unterbewusstsein dringt. Allein 70 000 Passanten kommen täglich hier vorbei; dies, begleitet von der wiederholten Präsenz des Bildes in der Tageszeitung „Der Standard“ und auf Infoscreen (Video-Screens in U-Bahn-Stationen), wird ein Wahrnehmungsraster prägen, für die Menschen, die in Wien leben, wie auch für die Besuchern von außerhalb und aus dem Ausland.

Die Abstimmung der Farben kodiert unsere Lektüre der Aussage. „Ich will nicht nachhause, Mammi, ich will nicht nachhause!“ Das verweist unmittelbar auf Sozialrealistisches im Fernsehen, fast ein Dokumentarfilm, die Darstellung kleiner Wahrheiten. Hier wird nichts verkauft, und tatsächlich wird auch nichts als Information angeboten. Das Mädchen sagt, sie möchte nicht nachhause. Vielleicht ist das ganz in der Nähe, die unmittelbare Beziehung zu einem Kind bringt die großen Identitätsthemen auf eine familiäre Ebene, eine Erzählung aus dem Alltagsleben. „Ich glaube, ich will nie mehr nachhause“, das lässt den Konsumenten von Soap Operas und begierigen Zeitungsleser an eine Dimension von Sensationellem denken, die die kunstvolle Suggestion bei weitem übertrifft.

Diese Arbeit steht einerseits in gewissem Grad für sich, hat aber andererseits starke Wirkung. So gewaltig ist sie ins Stadtzentrum projiziert, dass sie stiller, individueller Wahrnehmung bedarf. Vielleicht bleibt ein Betrachter schweigend davor stehen und erzählt seinem Begleiter nicht einmal, was er da sieht, weil es vielleicht zu fixiert, zu persönlich oder zu anstößig ist oder die eigene Beschränktheit verrät. Der Maler Fernand Léger war in den 30er Jahren voller Hoffnung, dass mit der modernen Welt starke Farben in die Straßen kämen und dass leuchtend rote Plakate an den Häuserwänden die Städte, in denen alles in schneller Bewegung sich befindet, verändern würden. Indem Ken Lum sich genau dieser Mittel bedient, gewinnt sein Werk einen politischen Aspekt.

(Oktober 2000)

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