Globale Positionen 06

Zum Beitrag von Lois Weinberger für „Globale Positionen“

AutorInnen
Vitus Weh

Bei Gelegenheit wäre eine Art Flurbereinigung der Städte zu überlegen. Die Straßen und Plätze werden dafür großzügig von ihren bisherigen Namen befreit – kein Lueger-Ring mehr, keine Rooseveltplatz, kein Franz-Josefs-Kai –, politische Entrümpelung eben. Stattdessen führt man Pflanzennamen ein. Nicht jedoch als psychologische Hilfe für jene, die über mangelnde Grünflächen jammern, sondern als Anerkennung der wahren Verhältnisse: des beständigen Ringens und Durchdringens zweier Kategorien nämlich, die wir uns „Kultur“ und „Natur“ zu nennen gewöhnt haben. Denn eigentlich ähnelt die Sitte, Straßen immer noch nach kulturellen oder politischen Bannerträgern zu benennen, strukturell den schroffen Stadtmauern, die in früheren Jahrhunderten die zivilisierte Sphäre von aller Unkultur trennen sollten. Heute, da die meisten Siedlungengebiete stärker wuchern als jede Schlingpflanze, sind solche zivilisatorische Selbstbekräftigungen jedoch geradezu widersinnig: Die umgebende Landschaft ist meistens kultivierter als die ausufernde Siedlung.

Mitunter sind es einfache Dinge, die die gängige Unterscheidung immer wieder aufs Neue konstruieren. In seinem Beitrag für „Globale Positionen“ genügt es Lois Weinberger zum Beispiel, verschiedene grafische Darstellungsweisen zu verwenden (Höhendiagramm steht für „Landschaft“, Straßennetz für „Kultur“), und vor uns erscheint schon das klassisch antagonistische System. Bemerkenswert ist allerdings, wie transitiv die Polarität unterm Zeichenstift von Weinberger geraten ist: Nahezu wie ein natürliches Flußsystem gräbt sich die Stadt an ihren Rändern in die Landschaft, während die ausgreifende Natur an anderer Stelle wieder fast nahtlos in das geordnete Gebäuderaster übergeht. Grenzüberschreitend sind auch die eingetragenen Straßen- und Flurnamen. Wer genau hinschaut, wird bald bemerken, dass „Löwe“, „Sporn“, „Zahn“, „Milch“, „Wolf“, „Lauch“, „Ritter“, „Bär“ usw. alles Morpheme von Pflanzen sind – die Natur breitet sich mithin geradezu infektiös aus –, gleichzeitig fällt aber auch auf, wie artifiziell Pflanzenbezeichnungen eigentlich sind. In ihnen hat sich die „Kultur“ der „Natur“ a priori schon bemächtigt.

(Wien, September 1999)

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