Visitors

„Visitors“ von Beat Streuli

AutorInnen
Robert Fleck

Wie alljährlich seit 1991 findet auch diesmal wieder in den Wintermonaten Dezember und Jänner die Medienausstellung „Das Plakat“, organisiert von museum in progress in Kooperation mit Austrian Airlines, Gewista und Europlakat statt. Der Schweizer Künstler Beat Streuli, in Düsseldorf und New York lebend, hat seit Jahren wie kaum ein anderer Künstler der Gegenwart das Geschehen der Straße zum Gegenstand der bildenden Kunst erhoben. Für „Das Plakat 1996“ konzipierte Beat Streuli in Reaktion auf die aktuelle Wiener Situation des öffentlichen Raumes eine Serie scheinbar unbeteiligter Aufnahmen von Wiener Passanten in klarem Sonnenlicht. Für die 3000 Plakatflächen im Wiener Raum, denen erstmals in der Geschichte der Medienausstellung „Das Plakat“ auch zahlreiche Plakatflächen in Berlin, Frankfurt am Main, Zürich, Budapest und Prag zur Seite gestellt sind, ergibt die Arbeit von Beat Streuli ein variables Modulsystem aus Großfotos, das in sich ebenso wandelbar und an jeder Plakatierungsstelle zu wechselnden Konstellationen formbar ist wie die Zirkulation der Passanten in der modernen Großstadt selbst. Der Künstler hat in den vergangenen Jahren ein international beachtetes Werk geschaffen, das aus einem allgegenwärtigen Aspekt des zeitgenössischen Lebens, dem Passantentum, die Sichtbarmachung unbewusster Prozesse des öffentlichen Raums und die Darstellung des zeitgenössischen Lebensgefühls an der Schnittstelle von universellem Nomadentum und Affirmation des Individuums entwickelt. In Museumsausstellungen werden die flüchtigen Augenblicke der Straße per Großfoto oder Diaprojektion in moderne Fresken übersetzt, wobei die Einführung einer langen, zeitlupenähnlichen Zeitdimension die Gesten, Handlungen, Gefühle und Gedanken der anonymen, beobachteten Einzelpersonen als Möglichkeitsformen bewusst werden lässt.

In Wien richtet Beat Streuli sein Augenmerk auf das Phänomen der ausländischen Touristen, die massenhaft und ohne eigentliches Statut als dem des anonymen, nomadischen Passanten das Unbewusste des Stadtbildes bestimmen. Seine Plakatarbeit „Visitors“ ist zum Einen als Hommage an die vielen ausländischen Besucher zu sehen, die den Lebensstandard der Stadt und ihrer Bewohner heute wesentlich bestimmen. Zum Anderen verstreut „Visitors“ von Beat Streuli bewusst das Phänomen der ständigen Präsenz unzähliger Fremder aus der Innenstadt über das Medium Plakat in die verschiedensten Straßen der äußeren Bezirke und Vorstädte. Die Arbeit versteht sich als kritisches Statement zur Großstadt als urbanistisches und soziales Gebilde wie auch als bewussten Eingriff in das aktuelle fremdenfeindliche Klima in weiten Teilen Europas. Beat Streuli's genau ausgewählte Bilder aus dem seriellen Fotoverfahren der Motorkamera erhalten durch die Übersetzung in das Medium Plakat und der direkten Konfrontation mit dem Leben auf der Straße eine neue Dimension. Die Großfotos wirken auf den gehenden Betrachter in den Straßen wie selbständige, bewusstmachende Spiegel, die ihm sein eigenes Bild und das fremdenähnliche, nomadische Dasein des Passanten vor Augen führen, während die genau kalkulierte Serialität der Bilder die Eindrücklichkeit des Stummfilms in modernem Gewand erreicht. Die ursprüngliche Kraft des Films, mit einfachen, allgemein verständlichen Bildern direkt das kollektive Geschehen einer Großstadt anzusprechen, hat der Künstler in eine überraschende, nur scheinbar einfache Form gezwungen, die aufs Neue der Wucht der elektronischen Bildmedien standhält und aus einfachsten Sachverhalten des Alltags Bilder von großer Symbolkraft gewinnt.

(November 1996)

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