Austrian Airlines Porträt

„Austrian Airlines Porträt“ von Felix Gonzalez-Torres. Von Orten und Räumen.

AutorInnen
Hans-Ulrich Obrist

 

 

Auf grünem Grund sind mit silberner Schrift auf einer 15 Meter langen Abfolge von Plakaten alle Destinationen der Fluggesellschaft Austrian Airlines alphabetisch aufgelistet. Die alphabetische Ordnung wird durch andere Parameter aufgebrochen. Dies geschieht in erster Linie durch die den jeweiligen Destinationen zugeordneten Jahreszahlen des erstmaligen Anflugs durch Austrian Airlines.

Erscheint das Plakat durch die Gegenüberstellung von Destinationen und Jahreszahlen, zuerst rein informativ (jedoch ohne die Funktion eines Flugplanes zu erfüllen), offenbaren sich bei genauerer Lektüre soziale, ökonomische und politische UNDERPINNINGS. Da der Flugverkehr in starkem Maße von exogenen Faktoren abhängig ist, verweist das Datum der Inbetriebnahme einer neuen Strecke oftmals auch auf Veränderungen im politischen Umfeld der betreffenden Orte.

Gleichzeitig ist die Lektüre der Städtenamen und Jahreszahlen sehr persönlich, ohne dass sich der Künstler dafür des individuellen Ausdrucks bemächtigen muss. Felix Gonzalez-Torres zeigt, dass die an sich neutrale Liste der Destinationen viel Atmosphäre in sich birgt. Der Betrachter findet, was er will, ohne einem bestimmten Parameter linear folgen zu müssen. Wodurch in der Lektüre Knoten des Reisens entstehen – Destinationspunkte verbinden sich zu Routen aller drei Tempora.

Wie schon mit dem Plakat seines ungemachten Doppelbettes (New York City, 1991) gelingt Felix Gonzalez-Torres mit dem Austrian Airlines Plakatprojekt eine Verschränkung bezüglich der Fragestellung von Kunst im öffentlichen Raum.

Das Persönliche und das Politische sind teil derselben Geschichte. Die private Reise wird mit ihren sozialen und politischen Implikationen konfrontiert, während sich beim Betrachter angesichts der öffentlich plakatierten Destinationslisten persönliche Reisegeschichten und -sehnsüchte einstellen.

Lacan beschreibt eine große Mauer, die die ganze Welt umgibt bis zu der Frage: „Wo ist das Innen, wo ist das Außen?“ Mit den Plakatprojekten verfolgt Felix Gonzalez-Torres eine Doppelpraxis zur wechselseitigen Dynamisierung von Orten: Im Falle des Portraits von Austrian Airlines hat er sich entschlossen, ein gesamtes Modul der Plakataktion im Kontext der Projektreihe „Migrateurs“ im Musee d'Art Moderne de la Ville de Paris zu zeigen. Gleichzeitig erreicht das Plakat an 3000 Stellen in Wien eine ungewöhnliche Öffentlichkeit.

Allgemein zeigt sich, dass die Frage der Aktivierung von Räumen also nicht mit der Frage – innerhalb – oder – außerhalb – der Institutionen – in Verbindung steht. Eine entscheidende Frage ist vielmehr, ob und wie es gelingt, so viele Räume wie möglich zu dynamisieren.

SOWOHL ALS AUCH STATT ODER STATT WEDER NOCH

Der Wiener Dezemberpromeneur befindet sich in einem Zwischenraum ohne Anfangs- bzw. Endpunkt. Das Modulprinzip bewirkt eine Wahrnehmung in Sequenzen.

Die immer schneller werdenden Bewegungen im städtischen Raum bewirken, dass die menschliche Eigenbewegung immer träger wird, um schließlich zum Stillstand zu kommen.

Der rasenden Auflösung der Bilder setzt der Künstler den beweglichen Stillstand des einen Bildes entgegen, das unter dem Passepartout weiterführt. Ob er Räume mit Leuchtgirlanden absteckt, seine Stacks der Instabilität des Verschwindens aussetzt oder den städtischen Raum mit Plakaten bekleidet, eröffnen Felix Gonzalez-Torres' Werke dem Betrachter stets Möglichkeiten realer Aktion.

Der Künstler schafft bei bewusster Nähe zu konzeptuellen bzw. minimalistischen Vorgaben Abweichungen der Form, die den Rapport Betrachter/Gegenstand immer wieder auf den Prüfstand stellen.

Die Nähe zu Bekanntem ergibt sich auch dadurch, dass Felix Gonzalez-Torres bei seinen Werken oft von Naheliegendem ausgeht, um, das, was es schon gibt, anders zu sehen, wobei sich hinter den Standards des Bekannten symbolische und emotionale Dimensionen offenbaren.

 

 

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